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Stadtgeschichte

 
Karte von 1888, aus Meyers Konversationslexikon
Karte von 1888, aus Meyers Konversationslexikon

Vom Fischerdorf zur Stadt

Die Mentalität der Amsterdamer, ihr Kaufmannsgeist und ihre sprichwörtliche Toleranz haben die Geschichte der niederländischen Hauptstadt entscheidend geprägt. Ihre Ursprünge liegen in einem sumpfigen Fischerdorf an der Mündung des Flusses Amstel in das IJsselmeer, das heute ein See ist, damals jedoch noch ein Arm der Nordsee war.
Nachdem dem Flecken Amstelledamme 1275 Zollfreiheit gewährt worden war, erhielt er im Jahr 1300 die Stadtrechte und kontrollierte dank seiner Lage fortan den Warenverkehr zwischen der Nordsee und dem holländischen Hinterland. Ihr Geschäftssinn ließ die Amsterdamer jedoch stets nach mehr streben: Bald trieben sie Handel mit sämtlichen Ländern des Ost- und Nordseeraums, in die sie Bier und Heringe exportierten, um mit Getreide in die Niederlande zurückzukehren. Zum Schutz gegen die Gezeiten begannen die Bewohner mit dem Bau einer Befestigungsanlage, den „wallen“. Im weitgehend erhaltenen ältesten Stadtviertel zwischen Oudezijds und Nieuwezijds Achterburgwal liegen heute die Chinatown und das Rotlichtviertel.

Das Goldene Zeitalter

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts lösten sich die nördlichen Niederlande im 80-jährigen Krieg von der spanischen Herrschaft. Damals bereits erlangte Amsterdam den Ruf einer liberalen Stadt - und zog zahlreiche protestantische und jüdische Flüchtlinge aus Städten wie Antwerpen und Lissabon an, die noch immer spanisch besetzt waren. Diese Einwanderungswellen wohlhabender Kaufleute sorgten für eine Erweiterung der Handelsbeziehungen und läuteten so das so genannte Goldene Zeitalter ein. 1602 wurde die Verenigde Oostindische Compagnie (VOC) gegründet, die das Monopol auf den Seehandel mit Ostasien und Indien erhielt, 1621 kam die Westindische Compagnie hinzu, die für die Westküste Afrikas zuständig war.
Rijksmuseum, vom Wasser aus gesehen
Rijksmuseum, vom Wasser aus gesehen
In den folgenden 150 Jahren entwickelten sich die Niederlande zu einer der bedeutendsten See- und Handelsmächte Europas, und Amsterdam wurde zu einer wichtigen und reichen Hafenstadt, deren Lager mit Nelken, Zimt, Seide, Kaffee und Porzellan gefüllt waren. Innerhalb weniger Jahrzehnte stieg die Einwohnerzahl um das Fünffache. Als die Stadt aus allen Nähten zu platzen drohte, begann man Anfang des 17. Jahrhunderts den Grachtenring anzulegen: Reiche Kaufleute ließen sich außerhalb der alten „wallen“ prächtige Domizile mit angeschlossenen Lagerhäusern an der Heren-, Keizers- oder Prinsengracht bauen. Gleichzeitig erlebten Kunst und Literatur eine Blütezeit. Die bedeutendsten Meisterwerke des Goldenen Zeitalters wie Rembrandts "Nachtwache" oder Vermeers "Milchmagd" kann man heute im Rijksmuseum bewundern - Zeugnisse einer protestantisch-bürgerlichen Kultur, in der Geschäftssinn und Offenheit gegenüber dem Andersartigen eine einträgliche Verbindung eingingen.
Stadsschouwburg
Stadsschouwburg
© bMA / www.bma.amsterdam.nl

Handel und Industrialisierung

Um 1700 zählte Amsterdam etwa 220 000 Einwohner und hatte den Höhepunkt seiner Blüte erreicht. Aber bereits um 1750 begann der Stern der Niederlande wieder zu sinken. Teils lag das am Erstarken anderer Länder als Seemacht, teils aber auch am Verwaltungswasserkopf der VOC. London überholte Amsterdam als Warenumschlagplatz, und Holland verlor das Handelsmonopol mit Südostasien. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts erholte sich die Wirtschaft wieder durch den Bau des Nordhollandkanals, der Hochseeschiffen die Fahrt bis in den Amsterdamer Hafen ermöglichte, und den Beginn der Industrialisierung. Vom wiedererlangten Reichtum zeugen viele Amsterdamer Prachtbauten, die Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurden - so z. B. der Hauptbahnhof, das Rijksmuseum oder die Stadsschouwburg.

Kriegswirren

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Niederlande nach fünftägigen Kampfhandlungen von Deutschland besetzt. Aufgrund der raschen Kapitulation trug Amsterdam nur wenig Schaden davon, wurde jedoch später noch einige Male von fehlgeleiteten alliierten Bomben getroffen. Es formierte sich ein starker Widerstand gegen die deutsche Besatzung, der jedoch die beinahe vollständige Auslöschung der jüdischen Gemeinde nicht verhindern konnte. Protest gegen die Verschleppung der Juden kam vor allem von den Arbeitern, die beim Februarstreik 1941 auf die Straße gingen, kaum jedoch aus dem Stadtrat. Gegen Ende des Krieges gerieten die noch immer besetzten nördlichen Niederlande in die Isolation, und der so genannte Hungerwinter von 1944/45 forderte zahlreiche Menschenleben. Um zu überleben, schlachteten viele Amsterdamer die verlassenen Häuser von Juden aus - ein Grund, weshalb heute im früheren Judenviertel ganze Straßenzüge aus Neubauten bestehen.

Hippies und Hausbesetzer

In den 1970er-Jahren wurde Amsterdam zum Mekka für Hippies, Hausbesetzer und Aussteiger aus aller Welt. Im Vondelpark und auf dem Dam kampierten im Sommer tausende Rucksacktouristen, und um 1980 lebten etwa 20 000 Hausbesetzer in der Stadt. Liberale Politiker bewirkten die Legalisierung sanfter Drogen, jede Randgruppe konnte nach ihrer Fasson glücklich werden. Dieser Ruf eilt Amsterdam auch heute noch voraus - nicht nur Tulpen und Grachten, sondern auch Coffeeshops und Homoehe haben das Image geprägt. "In Rotterdam wird das Geld verdient, in Den Haag verwaltet und in Amsterdam ausgegeben", beschreibt ein Sprichwort treffend die lebensfrohe Atmosphäre.

Monarchie

Die Niederlande sind eine konstitutionelle Monarchie. Das ist jedoch noch nicht allzu lange der Fall: Zwar herrscht bereits seit 1572 das Haus Oranien-Nassau über das Land, aber nach dem Freiheitskrieg gegen Spanien wurde Holland zunächst zur Republik. Etwa zweihundert Jahre lang besetzten die Oranier nur den Posten des Statthalters. Erst 1815, nach der Besatzung durch Napoleon, bestieg mit Wilhelm I. der erste König den Thron. Monarchin ist derzeit Königin Beatrix (geb. 1938), deren deutscher Ehemann, Claus von Amsberg, 2002 verstarb. Die Königinmutter Juliana, die von 1948 bis 1980 regierte, starb 2004. Thronfolger ist Prinz Willem-Alexander (1967), der 2001 die bürgerliche Argentinierin Máxima Zorreguieta heiratete. Seine Brüder sind die Prinzen Johan Friso (1968) und Constantijn (1969).

Wohnungsnot und Bauvorhaben

Heutzutage ist Amsterdam eine überschaubare, ungewöhnlich entspannte, manchmal aber auch etwas chaotische Weltstadt mit etwa 730 000 Einwohnern. Und jährlich kommen mehrere Tausend hinzu. Seit der Nachkriegszeit versucht man, der Wohnungsnot in der kleinen Innenstadt mit dem Bau immer neuer Viertel am Stadtrand zu begegnen. Zunächst entstanden einige Hochhausviertel im Westen und Südosten der Stadt. Inzwischen wird vor allem in Zentrums- und Wassernähe gebaut, so etwa auf den ehemaligen Hafeninseln KNSM und Borneo im Fluss IJ. Und im IJmeer im Osten der Stadt werden derzeit sieben neue Inseln angelegt, auf denen bis 2012 der Stadtteil IJburg mit Wohnraum für 45 000 Menschen entstehen soll. Beim Bau dieser Viertel haben die Amsterdamer keine Scheu vor Experimenten, sodass die Stadt inzwischen auch für ihre poppig-unkonventionelle zeitgenössische Architektur bekannt ist.
 
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