Stadtbild
Khao San Road
© Mr Bloom
Was für eine Stadt
Metropole und Moloch. Dschungel der Lüste. Architektonischer Wildwuchs, durch den sich Blechlawinen im Schneckentempo quälen. Abgasschwaden machen das Atmen schwer, und der Himmel über dieser Stadt ist an den meisten Tagen des Jahres staubgrau wie eine Betondecke. Pompöse Shoppingzentren überragen wellblechgedeckte Slumhütten, als wollten sie deren Armseligkeit auch noch verhöhnen. Bürgersteige sind Stolperfallen, zugepflastert mit den Ständen fliegender Händler und den Garküchen fliegender Köche.
Bangkok wird seinem (schlechten) Ruf auf den ersten Blick gerecht. Alle Klischees scheinen zu stimmen. Diese Stadt ist zubetoniert und chaotisch, sie ist laut, hässlich und käuflich. Laut Statistik leben fast zehn Prozent der 62 Millionen Thai in der Hauptstadt. 5,7 Millionen Menschen waren im Februar 2002 als Einwohner registriert. Es mögen aber auch 7 oder 8 Millionen sein, so genau weiß das niemand. Denn ein großer Teil der Bewohner Bangkoks stammt aus den armen Provinzen des Landes, vornehmlich aus dem dürregeplagten Nordosten, und ist nach wie vor in den Heimatorten gemeldet.
Millionenstadt
Die Hauptstadt ist das mit Abstand bedeutendste Wirtschaftszentrum des Landes. Im Großraum Bangkok wird etwa die Hälfte des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. 70 Prozent aller Autos sind hier registriert, jedes zweite Telefon ist hier angemeldet, jeder zweite Arzt praktiziert in der Metropole. Die einzige Millionenstadt des Landes zieht Landflüchtlinge auf Jobsuche an wie ein Magnet. Und so wuchert Bangkok in die Breite und schießt in die Höhe. Noch in den Siebzigerjahren hieß es, im weichen Untergrund könnten Hochhäuser nicht Fuß fassen. Als 1970 das Hotel Dusit Thani eröffnet wurde, war es mit seinen 23 Stockwerken ein Riese unter Bangkoks Gebäuden. Höher geht‘s nicht, sagten die Skeptiker und verwiesen auf Untersuchungen, nach denen die Hauptstadt Jahr für Jahr tiefer sinkt. Heute ragt ein Wald von Wolkenkratzern bis in die Dunstglocke über der Stadt. Das 88 Stockwerke (309 m) hohe Baiyoke Sky Hotel im Textilmarkt von Pratunam ist das höchste Gebäude von ganz Thailand. Es hat das Dusit Thani zum Zwerg degradiert. Die Thai haben längst gelernt, wie man Hochbauten mit moderner Fundamentierungstechnik auch im Schwemmland verankern kann. Aber sie haben darüber nicht vergessen, wie man Blumengirlanden flicht. An vielen Straßen, auf vielen Märkten sitzen Frauen und Mädchen und fädeln Jasmin- und Orchideenblüten zu duftenden Ketten. Autofahrer hängen sie als Talisman an den Rückspiegel, Tempelbesucher legen sie Buddha zu Füßen.
Skytrain über Sukhumvit Road
© Tourism Authority of Thailand
Alte Riten, modernes Verkehrschaos
Wo sich die vielspurigen Hauptstraßen Ploenchit, Rama 1 und Ratchadamri kreuzen, stehen oft alle Räder still. Der übliche Verkehrsstau, das übliche Chaos. Nur hoch über der Kreuzung geht es voran: im elektrischen Sky Train. Die Trasse des Himmelszuges ruht auf mächtigen Betonpfeilern. Eine Augenweide ist die mitten in die Straße gepfählte Hochbahnstrecke wahrlich nicht. Doch selbst hier an diesem urbanen Alptraum einer Kreuzung ist Bangkok anders als jede andere Metropole mit Verkehrsproblemen. Der Duft von Räucherstäbchen legt sich über Abgasschwaden, klassische Thaimusik dringt durch Pfeifengetriller und Motorenlärm. Und auch die grazilen Tänzerinnen in ihren glitzernden Prunktrachten sind keine Sinnestäuschung. Sie tanzen um eine vergoldete Statue des Hindugottes Brahma im Erawan Shrine. Ein Menuett für Engel, ein Ritus voller Anmut.
Zu diesem Schrein an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen der ganzen Stadt pilgern Bauarbeiter und Bankdirektoren; Barmädchen knien neben Hausfrauen mit Lotosblüten in den gefalteten Händen. Gute Buddhisten sind sie allesamt, aber buddhagleich und somit frei von Begierden sind sie nicht. Glück in der Liebe und im Spiel, in der Schule und im Beruf erflehen sie vom fremden Gott. Sie opfern ihm Blütenketten, Räucherstäbchen und Blattgold. Oder lassen für einen Obolus die Tänzerinnen den Schrein umschweben.
Wat Arun
Bangkok müssen Sie "erleben"!
Natürlich finden Sie in Bangkok viele Sehenswürdigkeiten - vom märchenhaften Grand Palace über den Marble Temple hin zum National Museum -, die ein touristisches Muss sind. Aber das Leben in seiner ganzen Vielschichtigkeit entdecken Sie, wenn Sie sich unter die Menschen mischen. Zum Beispiel in Chinatown, wo alte Männer in Unterhemden ihren Morgenkaffee in winzigen Kneipen schlürfen und wo Apotheker nach uralten Rezepten aus getrockneten Eidechsen und Kräutern Medizin herstellen. Oder in Bangkoks Wallstreet, der Silom Road, wo Banker in der Mittagspause an wackeligen Tischchen auf dem Gehsteig sitzen und Nudelsuppe mit Stäbchen essen. Oder in den Vergnügungsvierteln, wo Barmädchen vor Dienstantritt ihre Hände zum respektvollen "wai" falten vor Buddha-Schreinen und Geisterhäuschen. Tauchen Sie ein in das Labyrinth der Märkte, und holen Sie zwischendurch Atem in einem "wat", einem der 400 Klöster Bangkoks, von denen immer eins in Ihrer Nähe sein wird.