Barcelona - ein Ort reizvoller Kontraste: am Meer gelegen und doch mitten in den Bergen. Eine der bedeutenden Designmetropolen Europas - mit der nach Neapel größten Altstadt, in deren gotischen Gassen Sie sich stundenlang verlieren können. Allerdings zählt der historische Stadtkern auch zu den sozial benachteiligten Gegenden. Die erschreckend hohe Kriminalität geht aber eher auf das Konto international organisierter Banden, die es vor allem auf Handtaschen und Gepäck der Touristen abgesehen haben.
Nun prangt er wieder an Fassaden und Baugerüsten: der alte Olympia-Slogan "Barcelona, posa‘t guapa" (Barcelona, mach dich schön). Als ob Barcelona nicht längst wunderschön wäre, und die Olympiade Schnee von gestern. Schließlich ist mehr als ein Jahrzehnt vergangen, seit sich die Stadt fieberhaft für die Spiele von 1992 herausputzte und ganze Straßenzüge hinter Bauplanen verschwanden, als wäre Verpackungskünstler Christo am Werk. Seit ihrer Enthüllung wirkt die Mittelmeermetropole (1,5 Millionen Einwohner) geradezu wie ein Gesamtkunstwerk. Zugegeben, diesmal verdecken die Bauplanen nur einzelne Ecken. Es geht jetzt um Schönheitskorrekturen: Im olympischen Erneuerungsrausch hat man der Stadt zwar ein zweifellos dekoratives Gesicht verpasst - aber unter dem Make-up beginnt bereits der Putz zu bröckeln. Denn auch im schönen neuen Barcelona ist offenbar das nicht zu vermeiden, was der spanische Volksmund "chapuza" nennt: Pfuscharbeit.
Die Stadt im Wandel
Schönheit und Charme Barcelonas kann das indes nichts anhaben. Im Gegenteil: Es ist ein Wesenszug der Mittelmeermetropole, unermüdlich ihr Gesicht zu wandeln, ohne den eigenen Charakter zu verlieren. Dabei braucht man immer irgendein Großereignis, um Großes, Neues oder längst Fälliges zu vollbringen. Das war schon so mit der Weltausstellung von 1888, die die Stadt aus ihrem dekadenten Dornröschenschlaf rüttelte und den Aufbruch einläutete in eine neue Zeit im Zeichen des aufblühenden Jugendstils, und 1929, als Barcelona im Zuge seiner zweiten Weltausstellung wieder völlig umgekrempelt wurde. Die olympische Rundumrenovierung von 1992 machte Barcelona nicht nur zum Mekka für Touristen aus aller Welt, sondern auch für Architekten und Stadtplaner: als gelungenes Beispiel urbaner Erneuerung. Man nahm die Olympischen Spiele zum Anlass, die deprimierende Hinterlassenschaft von 40 Jahren Diktatur zu beseitigen - einer Zeit, in der Barcelona zwar wirtschaftlich prosperierte, gleichzeitig aber zubetoniert wurde zu einer tristen und trostlosen Stadt. Kaum vorstellbar, wenn Sie heute durch Barcelona schlendern: überall kleine Plätze, Parks, Bänke, Skulpturen - unzählige kleine Eingriffe, die das Lebensgefühl der Stadt radikal verändert haben. Und es wurde gebaut - mit katalanischem Stolz und Statusbewusstsein und von internationalen Stararchitekten wie Norman Foster oder Richard Meier.
Dazu natürlich die Öffnung der Stadt zum Meer durch das olympische Dorf: Wo früher heruntergekommene Industrieschuppen und morsche Mauern die Sicht versperrten, steht Bewohnern und Besuchern heute ein über 4 km langer Sandstrand zur Verfügung.
Um in Form zu bleiben, erfand man in Barcelona gleich das nächste Großereignis: das Forum der Weltkulturen 2004. Ein mehrmonatiges Megakulturfestival an der Flussmündung des Besòs in einem bis dato vernachlässigten, sozial konfliktreichen Außenbezirk im Norden, direkt am Mittelmeerstrand. Seine Verbesserung stand dringend an: das Glied, das in der Sanierungskette fehlte. Nach dem olympischen Dorf und dem nördlich gelegenen Viertel Poble Nou, einer gigantischen Industrieruine, die zum Bezirk 22@ umgekrempelt wird, zum exklusiven Hightechviertel Barcelonas, baut man nun um die Mündung des Besòs und die verlängerte Hauptverkehrsader Diagonal herum eines der teuersten Quartiere der Stadt, die Diagonal Mar. Wie 1992 markieren spektakuläre Bauten die neue Stadtlandschaft: das dreieckige, knallblaue Forumsgebäude etwa der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, das als Kongress- und Ausstellungszentrum genutzt wird. Oder der phallische, in allen Farbtönen changierende Wolkenkratzer Torre Agbar, den Jean Nouvel für die Wasserwerke Barcelonas baute. Auch Kultarchitektin Zaha Hadid ist in Barcelona am Werk und gestaltet den Freiraum um das Nationaltheater neu.
Die Altstadtsanierung geht ebenfalls voran. Etwas getan hat sich vor allem im Raval, lange ein besonders abgewirtschafteter Bezirk Barcelonas. Im unteren Teil des Raval liegt das legendäre Barri Xino, als berüchtigtes Hafen- und Rotlichtviertel in die Weltliteratur eingegangen. Schriftsteller wie Jean Genet fanden hier die halbseidene Welt, die sie beflügelte: Huren, Bettler, mittellose Emigranten, Gauner und Ganoven. Auch heute lässt sich die Halb- und Unterwelt nicht aus dem Viertel wegdenken. Aber mit der Sanierung wurden die Prostituierten vertrieben, Pensionen und "Meublés" geschlossen. Moderne Plätze sollen Licht in die düsteren Gassen bringen. Ein neuer Prachtboulevard, die Rambla del Raval, und vor allem die Kulturmeile um das Museum für Zeitgenössische Kunst haben mit ihren Galerien, Geschäften und Restaurants das Bild verändert. Nicht nur zum Guten: Immobilienhaie vertreiben einkommensschwache Einwohner. Und der Abrissbirne fielen nicht nur unhygienische Verhältnisse zum Opfer, sondern bedeutende Kapitel kollektiver Geschichte gleich mit. Die schöne neue Stadt wirke mitunter "wie desinfiziert und pasteurisiert", meinte der im Barri Xino aufgewachsene und zu Weltruhm gelangte Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán (1939-2003). Das stimmt - aber Gott sei Dank nur zum Teil: Barcelona ist weit davon entfernt, zu einer gleichförmig-modernen Stadt zu werden. Sie werden auf jeden Fall interessante Überraschungen erleben. Und grämen Sie sich nicht, wenn Sie am Ende nicht alles gesehen haben, was auf Ihrer Liste stand. Das geht den meisten so. Sagen Sie sich einfach: "Beim nächsten Mal." Denn wer aus dieser Stadt abreist, tut das meist mit dem festen Vorsatz wiederzukommen.
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