Lebensart
Buddy Bear vorm Fernsehturm / aboutpixel.de
Multikulturelles Leben
Tolerant, offen für neue Wege und in vielerlei Hinsicht Avantgarde, so zeigt sich Berlin besonders in Bezug auf das kulturelle Leben. Mit über 150 Konzerthäusern, Theatern und Bühnen, drei Opernhäusern, zahllosen Kinos und rund 170 Museen und Sammlungen bietet Berlin heute eine Vielfalt wie kaum eine andere Stadt. Weltweit berühmt ist Berlin auch für sein brodelndes Nachtleben mit über zweihundert Clubs sowie unzähligen Bars, Cafés und Kneipen. Da es keine Sperrstunde gibt, schließen die meisten Etablissements erst in den frühen Morgenstunden - wenn überhaupt.
In-Bezirke wie Mitte und Prenzlauer Berg mit ihren abwechslungsreichen Theater-, Club- und Kneipenszenen stehen ganz im Zeichen einer international ausgerichteten Metropole. Gerade der Austausch mit Osteuropa etwa hat das kulturelle Leben deutlich belebt. DJs aus Bukarest legen auf, Tanztheater aus Kiew zeigen neue Produktionen, und aus Warschau kommen Autoren, um ihre Bücher vorzustellen. Mindestens 200 000 Russen, Polen, aber auch Ukrainer und Tschechen leben mittlerweile in der Stadt. In Berlin wird nicht nur das Zusammenwachsen des ehemals geteilten Landes sichtbar, sondern auch das Europas. Berlin gehört, und das ist einzigartig, sowohl zu Ost- als auch zu Westeuropa!
Trendsetter
Trendscouts großer Modefirmen tummeln sich regelmäßig in der Stadt, um sich von dem phantasievollen und gewagten Outfit der Bewohner in Szenevierteln wie Mitte, Prenzlauer Berg oder Friedrichshain inspirieren zu lassen. Modedesign ist nicht zuletzt dank Modemessen wie der Bread & Butter, die seit 2004 in Berlin stattfindet, ein großes Thema. Etliche Berliner Designer nähen Unikate im Hinterzimmer, während sie vorne im Laden verkaufen. Otto Normalverbraucher schert sich um Mode allerdings wenig. So ziehen es die meisten Berliner vor, möglichst bequem durch den Alltag zu laufen. Und als schick gelten in manchen Bezirken vor allem Jogginganzug und Badelatschen...
Nachts auf dem Gendarmenmarkt
© Land Berlin / Thie
Nachtleben
Die Sperrstunde wurde in Berlin schon 1949 abgeschafft. Seitdem ist die Stadt berühmt für ihr reges Nachtleben, für die vielen Tausend Bars und Kneipen, aber auch Hunderte Theater, Kinos und Konzertsäle. Neben den etablierten Häusern gibt es eine rege Off-Kultur mit Hinterhofbühnen, illegalen Clubs und spontanen Veranstaltungen an Orten, die nur Eingeweihte kennen. Diese Mischung aus staatlich geförderter Kunst und im Abseits blühender Avantgarde gibt Berlin sein einmaliges Gesicht. Und das leuchtet besonders nachts.
Demonstrationen
Berlin ist nicht nur Regierungshauptstadt, sondern auch Zentrum des Protests. Durchschnittlich sieben Demos täglich werden bei der Polizei angemeldet. Regelmäßig legen etwa die Gegner der Jagd den Verkehr auf dem Kurfürstendamm lahm. Aber auch politische Initiativen wie der Gedenkmarsch zu Ehren der Arbeiterführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Mitte Januar, die 1.-Mai-Demonstrationen oder der Christopher-Street-Day im Juni bringen jedes Jahr Zehntausende auf die Straße. Leider bleibt es dabei nicht immer friedlich. An manchen Tagen kommt der Stadtverkehr in arge Bedrängnis, etwa wenn Bauern mit ihren Treckern gegen die Agrarpolitik demonstrieren, gleichzeitig Studenten die Sparpolitik des Senats anprangern, während Muslime ein paar Straßen weiter gegen ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst protestieren.
In der Reichstagskuppel
© Che-Oliver Hohwieler
Bürgernähe
Während in anderen Städten das gemeine Volk durch eine Bannmeile möglichst weit weg von der Volksvertretung gehalten wird, steigen Sie hier den Parlamentariern im wahrsten Sinne des Wortes aufs Dach und sehen ihnen von oben beim Diskutieren zu. Das ist Bürgernähe, wie sie von der Politik gewünscht ist, und nicht zuletzt das gibt der Hauptstadt ein ganz besonderes Flair. Dazu gehört auch, dass viele Politiker und Abgeordnete die Öffentlichkeit nicht scheuen. Sie werden überrascht sein, wie vielen Prominenten Sie in den umliegenden Restaurants oder Cafés begegnen. Und das ist nur in einer Stadt wie Berlin denkbar: Menschen werden in erster Linie als Menschen wahrgenommen. Ob jemand prominent ist, interessiert erst an zweiter Stelle. "Leben und leben lassen" - das ist das vorherrschende Motto. Man möchte selbst als Individuum wahrgenommen werden, und das gesteht man auch anderen zu.
Mundart
"Die reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist", lautet eine gängige Erklärung für das oftmals barsche rhetorische Gebaren der Berliner. Wer in einen Bus steigt und den Fahrer nach dem Weg fragt, muss mit einer pampigen Antwort rechnen (»Bin ick hier det Auskunftsbüro oder wat?«). Freundlichkeit hält sich in Grenzen, doch wer schlagfertig kontert, wird schnell akzeptiert. Übrigens: Brötchen sagen in Berlin nur Zugereiste, an der Spree isst man zum Frühstück Schrippen. Und Berliner heißen hier nicht Berliner, sondern Pfannkuchen.
Tierliebe
Die Berliner sind gewissermaßen vernarrt in alles, was vier Beine hat. Besonders Hunde erfreuen sich so großer Beliebtheit, dass Fußgänger immer schon einen Schritt voraus denken müssen, damit ihnen keine stinkende Tretmine zum Verhängnis wird. Aber nicht nur der Hundekot ist ein Problem, auch der mangelnde Auslauf für viele Bellos. Die legalen Auslaufzonen im Volkspark Friedrichshain und in der Hasenheide in Kreuzberg sind notorisch überfüllt. Dass längst nicht jeder mit seiner Mieze oder seinem Fiffi klarkommt, zeigt das neue Tierheim am nordöstlichen Stadtrand. Mit einer Fläche von 16 ha ist es das derzeit größte Tierheim der Welt, inklusive Tierfriedhof. Jeweils rund 200 Hunde und Katzen sowie viele Kleintiere warten dort auf neue Besitzer.
Ausblick
Die wirtschaftlichen Auswirkungen der 40 Jahre währenden Teilung sind allerdings nicht so schnell zu verarbeiten; es geht nur langsam bergauf. Einst am finanziellen Tropf zweier politischer Systeme, hat es die Stadt schwer, aus sich heraus - ohne gewachsenes, wirtschaftlich leistungsfähiges Umland - zu existieren. Trotz eines rasant steigenden Anteils an Arbeitsplätzen im Dienstleistungsbereich muss Berlin mit einer Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent leben. Doch die Berliner machen wie immer das Beste daraus, gründen neue, kreative Unternehmen und schaffen es auf diese Art, immer wieder Avantgarde zu sein. Ideen gibt es auch anderswo viele, doch Berlin ist die Stadt, wo sie tatsächlich verwirklicht werden.