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Stadtspaziergänge

Wo einst die Mauer stand
Dass Berlin mit viel Beton, Stacheldraht und Minengürtel einst in zwei Hälften zerteilt war, ist heute kaum noch sichtbar. An einigen Orten allerdings lässt sich ein wenig vom damaligen Zustand der Teilung erspüren. Ein Spaziergang entlang der alten Mauerlinie lohnt sich besonders in Mitte zwischen Checkpoint Charlie und Bahnhof Friedrichstraße. Dauer: ca. 2 Stunden
Ehemalige Grenze: Checkpoint Charlie
Ehemalige Grenze: Checkpoint Charlie
© Laura Januschke
Am ehemaligen Checkpoint Charlie beginnt der Spaziergang. Vom ehemaligen Grenzübergang für Einreisende aus dem westlichen Ausland sind nur noch ein kleines Abfertigungshäuschen und die überdimensionalen Fotoporträts eines russischen und US-amerikanischen Soldaten geblieben. Im Museum werden Fluchtgeschichten und die Verhältnisse in Ost und West eindrücklich dokumentiert. Bei dem Versuch, die Mauer zu überwinden, wurden bis zur Wende 254 Menschen von DDR-Grenzposten getötet! Mit dem Rücken zu den gestapelten Sandsäcken biegen Sie links in die Zimmerstraße ein, in deren Mitte früher die Mauer den Blick auf den jeweils anderen Gehweg versperrte. Das Eckhaus mit dem Café Adler ist das älteste Barockhaus der Friedrichstadt und wurde 1735 zunächst einstöckig erbaut. Fast wäre es in den 1970er-Jahren abgerissen worden, doch Architekten hatten kurz zuvor im Keller die für die Bauart typischen Tonnengewölbe entdeckt. Das Haus wurde restauriert, und an der Brandmauer lässt sich ablesen, dass das Gebäude im Lauf der Zeit zweimal aufgestockt wurde. Entlang der Zimmerstraße passieren Sie die Häuser, deren Mieter sich quasi schon im Osten befanden, wenn sie nur die Hand aus dem Fenster streckten, denn nicht die Mauer war die eigentliche Grenze, sondern eine "virtuelle" Linie rund 2,50 m davor. So liefen die Bewohner und Passanten also immer schon durch Ost-Berlin, wenn sie durch die Zimmerstraße gingen. Mit dem Auto zu fahren war deshalb verboten, die Bewohner mussten ihr Hab und Gut bis zu 300 m weit schleppen, was besonders bei Umzügen lästig war. Bei Steuerflüchtlingen und Kriminellen allerdings war die Adresse begehrt, denn Polizei und andere Beamte durften nicht durch Ostberliner Gebiet, Pfändungen waren also nicht möglich. In dem Gebäude mit der Backsteinfassade auf der anderen Seite des Mauerstreifens befand sich das DDR-Außenhandelsministerium mit Stasi-Stützpunkt und Waffenlager im Keller.
Abschnitt der Eastside Gallery
Abschnitt der Eastside Gallery
© BTM / www.visitberlin.de / Koch
Weiter geht es über die Wilhelmstraße hinüber Richtung Martin-Gropius-Bau. Hier befindet sich einer der letzten Reste der fast 4m hohen Mauer aus Betonplatten. Das Teilstück ist allerdings schon sehr zerlöchert, weil Souvenirjäger viele Bröckchen herausgeschlagen haben. Besonders begehrt waren die Stücke mit Graffiti, galt doch die Mauer zu DDR-Zeiten als längste Galerie der Welt, jedenfalls auf West-Berliner Seite. Kaum ein Künstler von Rang und Namen ließ es sich damals nehmen, die Mauer mit einem Bild zu verzieren. Zu den bekanntesten Mauermalern gehörten der Franzose Thierry Noir und Keith Haring. Zur Zeit wird die Mauer restauriert, die Kunstwerke wurden entfernt und sollen bis Ende 2009 wiederhergestellt werden.
Linker Hand liegt das Ausstellungsgelände Topographie des Terrors. Hier sorgten früher die Hauptquartiere von Gestapo und SS für Angst und Schrecken. Es gibt weltweit kaum einen vergleichbaren Ort, an dem so viel Terror, Folter und Mord geplant und ausgeführt wurde.
Martin-Gropius-Bau
Martin-Gropius-Bau
© Roman März / www.gropiusbau.de
Im Martin-Gropius-Bau, dem einstigen Museum für Kunstgewerbe, 1881 eröffnet und im Zweiten Weltkrieg stark zerstört, werden heute wechselnde Ausstellungen zu historischen und wissenschaftlichen Themen gezeigt. Er wurde nach dem Architekten benannt, der ein Großonkel des berühmten Bauhaus-Architekten Walter Gropius war. Wegen der Mauer konnte der Haupteingang nicht benutzt werden, Besucher mussten zur Hintertür herein. Das Gebäude im Stil der italienischen Hochrenaissance gegenüber, also schon auf der früheren Ostseite der Mauer, beherbergt seit 1993 das Berliner Abgeordnetenhaus. Es war 1892 als Preußisches Abgeordnetenhaus eingeweiht worden. Das ebenfalls im Krieg stark zerstörte Gebäude wurde von der DDR nur notdürftig in Stand gesetzt und gehörte zu dem benachbarten Haus der Ministerien. Achten Sie jetzt auf die kupfernen Einlassungen im Boden, sie markieren den einstigen Verlauf der Mauer. An der Stresemannstraße kommt zur Rechten der Potsdamer Platz in Sicht. Auf dem Weg dorthin sieht man auf der rechten Seite einen der letzten erhaltenen DDR-Wachtürme, von denen aus die Grenze rund um die Uhr observiert wurde.
Dort, wo sich heute die Hochhaustürme von Sony und Daimler Chrysler in den Himmel recken, dehnte sich zu Mauerzeiten auf einer Fläche von 480 000 m² Brachland aus - mit nur zwei Gebäuden, dem Weinhaus Huth sowie einem kleinen Rest des einst mondänen Hotels Esplanade. Bis zu seiner Bombardierung im Zweiten Weltkrieg war der Platz der verkehrsreichste Ort Europas, und hier wurde 1925 auch die erste Ampelanlage des Kontinents installiert. Daran erinnert ein Turm am S-Bahn-Eingang mit Uhr und vertikaler Ampellichtanlage.
Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Denkmal für die ermordeten Juden Europas
© Laura Januschke
Weiter geht es auf der Ebertstraße Richtung Pariser Platz. Zur Rechten befinden sich die so genannten Ministergärten mit zahlreichen Landesvertretungen der Bundesrepublik. Daneben befindet sich das Denkmal für die ermordeten Juden Europas nach einem Entwurf des New Yorker Architekten Peter Eisenman. Am Brandenburger Tor angekommen, sollte man eine kleine Pause einlegen und den Raum der Stille besuchen. Er ist im nördlichen Pfeiler des Tores untergebracht. Dort haben Fußmüde Gelegenheit auszuruhen. Kaum vorstellbar, dass noch vor 15 Jahren niemand das Brandenburger Tor durchschreiten durfte, befand es sich doch im Niemandsland zwischen Ost und West. Beim ersten gemeinsamen Silvester 1989/90 feierten über 2 Millionen Menschen rund um das Tor. Die Bebauung nördlich des Brandenburger Tores ist neu, auch wenn es nicht so aussieht. Wem nach einem Kaffee oder einer Kleinigkeit zu essen zumute ist, der kehrt am besten im Café Theodor Tucher ein. Hier verleitet eine Galerie mit vielen Büchern zum Schmökern; bequeme Sessel sorgen für Entspannung. Gestärkt geht es dann weiter Richtung Reichstag, dem heutigen Sitz des Bundestags, von dessen Kuppel Besucher einen phantastischen Ausblick über die Stadtmitte haben. Hinter dem Parlamentsgebäude verlief zur Spreeseite hin früher die Mauer. Gegenüber dem Reichstag, links vom Elisabeth-Lüders-Haus, befindet sich die 1990 von dem Berliner Ökokünstler Ben Wargin konzipierte Gedenkstätte "Parlament der Bäume gegen Krieg und Gewalt". Sie besteht aus Mauersegmenten sowie quadratisch angeordneten Bäumen. Vom Uferweg aus geht es weiter vorbei am ARD-Hauptstadtstudio Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Dort endet der Spaziergang.
Der Hackesche Markt um ca. 1900
Der Hackesche Markt um ca. 1900
Durch die Berliner Geschichte: Die Spandauer Vorstadt
Der Name spicht für sich: Als ehemaliges Neubaugebiet für die Stadterweiterung bekam das Viertel im 18. Jahrhundert den Namen Spandauer Vorstadt, weil hinter dem Stadttor der Weg gen Spandau führte. Heute haben sich viele Medienagenturen sowie In-Boutiquen und Bars hier angesiedelt. Dauer: ca. 1 Stunde
Das Scheunenviertel, das heute als Teil der Spandauer Vorstadt begriffen wird, befindet sich nördlich des S-Bahnhofs Hackescher Markt. Dort reihten sich im 18. Jahrhundert die Scheunen vor den Toren Berlins wie Perlen an einer Kette aneinander. Auf diese Art wollte man Großbrände innerhalb der Stadt verhindern. War die Spandauer Vorstadt im 18. Jahrhundert vor allem ein Zentrum von Landwirtschaft und Handel, entwickelte sich nach und nach auch immer mehr urbanes Leben. Die "goldenen" 1920er-Jahre ließen schließlich ein kulturelles und handwerkliches Leben erblühen; Religionen mischten sich, und im östlich gelegenen Scheunenviertel lebten viele Juden vornehmlich aus Osteuropa. Heute knüpft der Stadtteil mit zahlreichen Theatern, mit Kunsthandwerksbetrieben und vielen Läden und Cafés wieder an diese Tradition an.
In den Hackeschen Höfen
In den Hackeschen Höfen
© Laura Januschke
Der S-Bahnhof Hackescher Markt, an dem der Spaziergang beginnt, markiert ziemlich genau die alte Stadtgrenze, denn zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße fährt die S- und Fernbahn auf den Fundamenten der alten Stadtmauer. Benannt ist der S-Bahnhof nach dem Stadtkommandanten von Hacke, der Mitte des 18. Jahrhunderts das dortige Sumpfgelände trockenlegen ließ. Er ist auch Namensgeber der Hackeschen Höfe gegenüber vom Bahnhofsvorplatz. Europas größtes Hofensemble bietet nicht nur acht hintereinander angeordnete Höfe, sondern auch viel Kultur und Kunsthandwerk. Wer alle acht Höfe passiert, steht am Ende in der Sophienstraße, einer hübsch herausgeputzten Straßenzeile, die in den 1980er-Jahren auf Geheiß der Ostberliner Stadtoberen zur 750-Jahr-Feier saniert wurde, während nur ein paar Ecken weiter die Spandauer Vorstadt dem Verfall preisgegeben wurde. Links entlang, passieren Sie nach etwa 50 m den Kirchhof der Sophienkirche mit dem ältesten Barockkirchturm der Stadt. Auf der rechten Seite steht das Handwerksvereinshaus von 1844, Berlins erster selbstständiger Arbeiterorganisation. In den Sälen tagten und diskutierten bis zu 3000 Personen. Besonders in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts hielten Kommunisten, Sozialdemokraten und Nationalsozialisten hier ihre Parteiversammlungen ab. Auch die so genannten Ring-Vereine, mafiose Verbände Krimineller, trafen sich dort regelmäßig.
Ein paar Meter weiter führt der Weg durch ein Tor in die Sophie-Gips-Höfe. Medienagenturen, Galerien und Gastronomiebetriebe haben sich hier niedergelassen. Die Einheit von Wohnen, Arbeit und Kultur in einem Gebäude, wie sie in Berlin früher gepflegt wurde, lebt hier sichtbar wieder auf. Der Hinterausgang des Hofensembles führt in die Gipsstraße. Sie gehört zu den ältesten Straßen der Spandauer Vorstadt. Früher gab es in der Straße eine Gipsbrennerei, daher rührt der heutige Name. Weiter geht es links die Straße entlang bis zum Ende. Viele Gründerzeithäuser sind inzwischen renoviert worden, und auch hier lohnt sich ein Blick in die Hinterhöfe mit oft einstöckigen Remisen.
An der Auguststraße angekommen, biegen Sie nach etwa 50 m links in die Große Hamburger Straße ein. Sie war noch in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts berühmt für das Zusammenleben von Juden, Protestanten und Katholiken. Auf der rechten Seite kommt bald die hübsche Klinkerfassade des St.-Hedwig-Krankenhauses in Sicht. Es wurde 1888 als Hospital für Altersschwache eröffnet. Gewidmet ist es der heiligen Hedwig, die im 12. Jahrhundert während der Christianisierung Schlesiens für ihre Armen- und Krankenpflege bekannt wurde. In der Großen Hamburger Str. 27 betreibt die Jüdische Gemeinde eine Schule. Neben dem Schulhof befand sich früher ein jüdischer Friedhof, der allerdings schon 1827 zum Park des ehemaligen jüdischen Altersheims umgewidmet wurde. In diesem Heim, das heute nicht mehr steht, organisierte die SS maßgeblich die Deportationen in die Konzentrationslager. Ein Gedenkstein und eine Skulptur erinnern an die 56 000 Berliner Juden, die in die Todeslager deportiert wurden. Gegenüber dem ehemaligen Friedhof gilt Haus Nr. 19 a als das älteste Haus in der Spandauer Vorstadt. Am Ende der Großen Hamburger Straße biegen Sie nach links in die Oranienburger Straße ein. Nach rund 100 m kommt der Hackesche Markt wieder in Sicht, wo die Tour endet.
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