Die Welt als Grill und Vorstellung
Mit dem Bademantelphilosophen Dittsche schuf Olli Dittrich eine kauzige Kunstfigur, die längst ein – ma’ sagn – Hamburger Original ist
Text: Frank Schulz
Ingo, Dittsche und Schildkröte am Drehort
© X-Cell Records,
www.x-cell.de
Ein bummelndes Pärchen. Sie, offenbar ortsfremd, zur anderen Straßenseite deutend: "Was ist da denn los?" Steht ein Rauchergrüppchen doch gewöhnlich rücklings zur Fassade – jenes wendet sich derselben aber zu.
Er, in einem Hamburgisch, so breit wie der Eppendorfer Weg: "Däs’ ’ne gänz normorle Verpääärlung, is’ däs!" Erklärt dann aber auf Hochdeutsch: "Verperlung" sei die Wortschöpfung eines fiktiven Imbissphilosophen namens Dittsche, dessen samstagabendliche Soap aus jenem Imbiss dort drüben live übertragen werde. – Und bedeute? – Na ja, eben zum Beispiel so was.
Das schummrige Licht der Straßen-laternen mit Chlorophyll einzufärben fällt dem Lindenlaub schon ganz leicht, ansonsten wirkt es noch ein bißchen petersilienhaft. Lauschig ist dieser Abend Ende April in unserem hübschen, ruhigen Quartier, das auch demografisch grünt – seiner martialischen Bezeichnung "Generalsviertel" zum Trotz.
Eppendorfer Grillstation / © Sorodorin
Quelle: wikipedia.org, cc-by-sa
Drehort: Eppendorfer Grill-Station
In der Wolle gefärbte Plebejer vom Schlage jener Dittsche-Figur gibt es hier zwar auch, sind aber in der Minderheit. Deren Diaspora-Charakter symbolisiert die "Eppendorfer Grill-Station" durch die Nachbarschaft zu "Coffeeteria", "Vegetaria" und Eiscafé "Tiziano". Hier ging sein furioser TV-Antiheld erstmals am 29. Februar 2004 in Serie. Laut Dittsche-Erfinder, -Darsteller und -Regisseur Olli Dittrich verdankte sich die Wahl des Schauplatzes dem Zufall.
Dittrich ist ein Anhänger des Jahrhundertkünstlers Heino Jaeger und mit seinem Improvisationsgenie dessen legitimer Nachfahr in der Meisterschaft der intuitiven Nachahmung von typologischen Sozialcharakteren. Mit Dittsche löste er unversehens eines jener Kulturphänomene aus, die gern als "kultig" akzentuiert werden.
Dittrich ist ein Anhänger des Jahrhundertkünstlers Heino Jaeger und mit seinem Improvisationsgenie dessen legitimer Nachfahr in der Meisterschaft der intuitiven Nachahmung von typologischen Sozialcharakteren. Mit Dittsche löste er unversehens eines jener Kulturphänomene aus, die gern als "kultig" akzentuiert werden.
Identifikationsfigur mit Logo-Appeal
Dabei ist er zwei Jahre lang mit dem Projekt hausieren gegangen – obwohl durch "RTL Samstag Nacht" und die "Blind Dates" mit Anke Engelke beileibe kein Unbekannter. Peinlicherweise griff der WDR zu. Peinlich, wohlgemerkt, für den NDR! Damit der eine Identifikationsfigur mit Logo-Appeal zu erkennen fähig ist, muss sie anscheinend so plump wie ein Walross sein.
Dittsche aber ist nicht plump. Ein Spinner, Schwätzer und Schwachstromsoziopath – ja. Aber komplex in Szene gesetzt. Seine Komik ist burlesk, doch mit doppeltem, sprich tragischem Boden, denn Dittsches verquere Verschwörungstheorien und groteske Welterklärungsversuche entspringen den medial vergifteten Quellen seiner randexistenziellen Mentalität.
Vor fast dreißig Jahren war es, als Olli Dittrich Dittsches Vorbild in der Realität entdeckte: "Ich stand am Eiswagen, und der Kunde vor mir, der 'Wanille und Schtraziella' bestellte, trug über seinen Klamotten ’nen Bademantel." Dittsches Urbademantel.
Bei dessen Wirkungsstätte es sich zufällig um meinen Stammimbiss seit zwanzig Jahren handelt. Normalerweise macht er gegen 21 Uhr Feierabend, doch inzwischen ist es kurz vor halb elf, und bis in die Winkel ausgeleuchtet sind die Schaufenster. Deutlich erkennbar sind Aufschriften wie "1/2 Grillhähnchen 2,80" und "Ab sofort auch Party-Service".
Dittsche-Fans vor dem Schaufenster
Apropos: Es herrscht eine gewisse Stehpartylässigkeit unter uns rund fünf Dutzend Zaungästen. Die meisten sind übrigens Twentysomethings vom Typus derer, denen man alltags im Imbiss begegnet, wo sie nach Autogrammen oder "Ich war hier!"-Karten oder leeren Flaschen mit "Dittschberger"-Etikett fragen – jetzt und hier trinken sie mitgebrachtes Bier und zitieren bisweilen Dittsches geflügeltes Wort nach dem ersten Schluck: "Das pääärlt ja heude wiedä, dö!"
Aber auch Nachbarin Yasmin ist ein bisschen zum Kiebitzen hier, desgleichen Anna von den "Athena-Stuben" gegenüber – Dittsches Asyl für die elfte Folge der siebten Staffel wegen kurzzeitigen Imbiss-Lokalverbots. Bastian aus Bramfeld wiederum pilgert recht regelmäßig her, man weiß ja nie, wann mal wieder ein illustrer Gaststar winkt – wie etwa Harald Schmidt oder Kalle Schwensen, Uwe Seeler oder Wladimir Klitschko.
Und Bastian ist es auch, der als Erster von uns in den Modus gespannter Erwartungsfreude wechselt, denn der Aufnahmeleiter ruft in den Ü-Wagen: "Noch eine Minute!" Und an die Adresse der Digital- und Handykamera- Leute: "Ab jetzt bitte nur noch ohne Blitz!" Eine untersetzte Kettenraucherin beginnt stumm, aber in beredter Körpersprache um jeden Dezimeter Raum zu feilschen, den ein Security-Mann ihr mit jovialer Scheuchgebärde abknöpft.
Der Imbiss als 3-D-TV / © Sorodorin
Quelle: wikipedia.org, cc-by-sa
Olli in der Rolle
Dann steigt Dittsche aus dem Wagen, in längsgestreiftem Bademantel, roter Jogginghose und "Schumiletten" und, wiewohl noch im Off, bereits mit halber Kraft auf Hamburgisch vor sich (und uns) hinrhabarbernd. Man bahnt ihm seinen Weg, und kurz bevor das Startkommando kommt, kalauert er noch: "Und das alles mit’n Schalker im Nacken!"
Denn der HSV hat sein Heimspiel gegen die Gelsenkirchener am Nachmittag mit 0:1 verperlt, und nun steht im Publikum ein Kerl mit Schalke-Schal. Weil offensichtlich Dittsche-Fan, wird er vom Stehnachbarn umstandslos adoptiert. Welcher wiederum, mit seinen nicht nur vor Begeisterung glänzenden Augen ganz offenbar ein Bruder im Hopfengeiste Dittsches, den Touristen sogleich auf Kennerschaft prüft: "Has’ die Silvesterfolge gesehn? Mit den 'Öko-Böllern'?"
Der verglaste Imbiss, nun ist er quasi 3-D-Fernseher im Bildformat 1:1. Nur gedämpft dringen Dittsches Ramentern und Gegreine heraus, doch seine Gesten und Faxen rufen diesseits liebevolles Amüsement hervor.
Punkt 23 Uhr setzt jenseits der Klarscheibe Händegeschüttel ein – das Zeichen für einige von uns, das bisher abgesperrte Areal zu stürmen und mit erhobenen Kameras und Handys Fotos zu schießen. Zugang wird nicht gewährt, doch nach etwa zehn Minuten mischt sich der Kult-Schamane wie üblich unters Volk, gibt selbstverständlich auch dem Schalker ein Autogramm und reiht sich so als dritte in den Bund der traditionellen Hamburgensien ein: Hummel Hummel und Zitronenjette. Nun also auch Dittsche.
Eppendorfer Grillstation:
Eppendorfer Weg 172 Tel: 42326809
Dittsche im TV:
Start der 14. Staffel am 21. November 2010 im WDR.
Mehr Infos unter:
Dittsche auf DVD:
Bisher sind 11 Staffeln auf DVD erschienen.
Mehr Infos unter:
Dittsche-Forum:
Hier finden Fans viele Informationen, Fotos und Fanartikel.
Mehr Infos unter:
MERIAN Hamburg
Themen:
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Jahreszeiten Verlag
ISBN: 9783834208118
EUR: 7,95
Über den Autor:
Frank Schulz ist Romanautor ("Hagener Trilogie") und Fan von Olli Dittrich. Dittsches Stammimbiss ist auch Schulzens, er wohnt gleich nebenan.