An Hans Albers denken Gäste womöglich, wenn sie zum ersten Mal nach Hamburg kommen. Von St. Pauli hat man gehört und von der Reeperbahn. Auf den Michel steigt man, füttert die Möwen und fährt mit dem Gefühl nach Hause, das meiste gesehen zu haben. Auch das ist ein Irrtum. Nicht mal die Hamburger kennen ihre Stadt genau. 74 km² umfasst allein der Hafen - hier wird zugeschüttet, da wird ausgebaggert, hier wird aufgespült, da wird planiert. Zimperlich ist man nicht an der Elbe. Diese Stadt, das erkannte schon der frühere Baudirektor Fritz Schumacher, ist "ganz und gar ein Produkt der technischen Energie ihrer Bewohner".
Klima in Hamburg
Eines allerdings stimmt: Hamburgs Klima ist nichts für schwache Nerven. Hier fahren die Tiefs und Hochs häufig Achterbahn. Das bedeutet, je nachdem, steifer bis strammer Nordwest. Steht die Barometernadel ausnahmsweise still, kann das zur Folge haben, dass die Wolken tagelang wie Beton am Himmel hängen. Der Hamburger Winter kennt kaum Schnee, dafür endlose Variationen zum Thema Niesel-, Sprüh- und Graupelregen. Den wahren Hamburger lässt das kalt. "Schmuddelwetter", räumt er höchstens ein, doch "da hinten klart's wieder auf." Beim geringsten Anzeichen einer Wetterbesserung holt er das Cabrio aus der Garage, und wenn die Schneeglöckchen sprießen, öffnen die Eisdielen. Man ist den Elementen hier stärker ausgesetzt als anderswo, und das mag ein Grund dafür sein, dass sich die, die es an der Elbe aushielten, über Generationen hinweg zu einem zähen Schlag entwickelt haben.
Bedenken Sie das alles, wenn Sie nach Hamburg kommen. Und vergessen Sie alles wieder. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Gehen Sie vom Hein-Köllisch-Platz durch St. Pauli runter zur Hafentreppe. Diesen Weg sind früher täglich Zehntausende gegangen, auf dem Weg zur Arbeit im Hafen. Unterhalb der besetzten und inzwischen legalisierten Hafenstraßenhäuser stehen noch die Reste der Kasematten, wo Pferde und Fuhrwerke untergestellt wurden. Oder erkunden Sie die Gegend rund um die Außenalster. Eine Fahrt mit dem Alsterdampfer gehört zum Pflichtprogramm.
Oder fahren Sie auf die andere Elbseite auf die Veddel zu den "Fünfziger Schuppen". Hier restaurieren ehemalige Elbschiffer alte Hafenkräne und Schuten für ein zukünftiges Hafenmuseum. Blicken Sie vom Kai Hansahöft übers Wasser in die Zukunft: Hamburgs Hafencity ist längst keine Vision mehr, sondern täglich wachsende Realität. Streifen Sie durch St. Georg, durch Ottensen, durch Blankenese: So verschieden kann es aussehen, wenn Menschen dicht an dicht leben. Und wenn Sie die Innenstadt abgegrast haben, bleibt hoffentlich noch eine Minute Zeit. Die sollten Sie am Jungfernstieg stehen bleiben. Im Haus Nr. 22, Ecke Große Bleichen, ist Matthias Claudius gestorben, Redakteur des "Wandsbeker Boten" und Autor eines berühmten Liedes über den Mond, von dem die meisten nur die erste und letzte Strophe kennen, die wenigsten aber den Rest: "Wir stolze Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel..." Dann wissen Sie immerhin das.
Die angenehmste Art, Hamburg kennen zu lernen, ist die vom Schiff aus. Halbstündlich geht es von den St.-Pauli-Landungsbrücken zur Hafenrundfahrt; zwischen April und Oktober verkehren die Alsterschiffe regelmäßig vom Jungfernstieg aus. Wenn Sie es irgendwie einrichten können: Mieten Sie sich bei gutem Wetter ein Segel-, Ruder-, Paddel- oder Tretboot und fahren Sie ganz in Ruhe die Kanäle um die Alster ab. Sightseeing von der Straße aus ist ebenfalls möglich: Stündlich brechen vom Hauptbahnhof die Busse zu Stadtrundfahrten auf.
Wenn Sie auf eigene Faust losziehen: Lassen Sie das Auto stehen. Überall dort, wo es interessant ist, finden Sie ohnehin keinen (freien) Parkplatz. Besser sind die vielen Angebote des HHV: Tages- und Mehrtageskarten oder auch die Hamburg Card sowie vor allem die neue Metropol Card, die Ihnen zusätzlich zu den Freifahrten auf Bus und Bahn die Türen vieler Sehenswürdigkeiten kostenlos öffnen - bis weit nach Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern hinein.
Architektur
Jahrzehntelang geschah nicht viel Aufregendes: Es wurde abgerissen und wieder aufgebaut, mal im klassisch-roten Backstein, mal mit viel Glas und Stahl. Doch seit einigen Jahren mausert sich Hamburg zum Spielplatz experimentierfreudiger Bauherren und Architekten. Zu sehen ist dies z. B. am Elbberg-Campus an der Großen Elbstraße, am ABC-Bogen in der City oder auf dem umgewidmeten Gelände beim Alten Gaswerk in Bahrenfeld. Auch im Kleinen gibt es viel Neues: so das Gemeindehaus der St. Nikolai-Kirche in Harvestehude von Carsten Roth oder der schneeweiße Bau der Reederei Rickmers am Alsterufer 26 von Richard Meier.
Die größte Herausforderung für Bauherren und Stadtplaner ist die Bebauung des Hafenrandes und der Hafencity. Architekten aus aller Welt haben sich rund um Sandtor- und Dalmannkai verewigt. Jeden Monat wird ein neues Haus fertig. Mit der geplanten Elbphilharmonie auf dem Kaispeicher A soll Hamburg ein neues Wahrzeichen bekommen. Fachkundige Führungen zu diesem Thema (gut für Gruppen) bietet A-Tour (Tel. 23 93 97 17, www.a-tour.de).
Elbchaussee
"Stern"-Herausgeber Henri Nannen fuhr 1983 mit seinem Verleger nach Hause, als ihnen vom Balkon einer Villa an der Elbchaussee der Reporter Gerd Heidemann zuwinkte. Nannen schwante Böses: "Der bescheißt uns." Womit er Recht behalten sollte: Ein paar Millionen für den Ankauf der gefälschten Hitler-Tagebücher hatte Heidemann in die eigene Tasche gesteckt. Wie hätte er sich Hamburgs teuerste Straße anders leisten können? Man fragt sich das häufig beim Anblick der Immobilien zwischen Altona und Blankenese. Diskret versteckt oder protzig vorgedrängt, reiht sich ein Nobelobjekt ans nächste. Wo mal ein Grundstück frei wird, werden Millionärssilos gleich im Viererpack hoch gezogen. Und wofür? 40 000 Autos am Tag, Blick aufs Airbusgelände, Flugzeuge über der Terrasse. Wilhelm von Humboldt blickte einst vom Geestrücken noch in ein "Elysium". Handelsbarone wie Caspar von Voght hatten den Elbhang nach englischem Vorbild in eine Parklandschaft verwandelt. Man fuhr vierspännig vor seinen Landsitzen vor, lebte auf großem Fuß. Nicht allzu viel davon ist geblieben: eine Handvoll Parks in städtischem Besitz, alter Baumbestand - und natürlich die Adresse: Elbchaussee.
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