Stadtspaziergänge
Die Passagen: Trockenen Fußes durch die City
Bei Regen und Hamburger Schmuddelwetter kommen sie gelegen, die überdachten Passagen zwischen Rathaus und Jungfernstieg. Zwei bis drei Stunden sollte man sich für den Bummel Zeit nehmen, vor allem, wenn man gerne in guten Buchläden stöbert.
Zwei Stunden zu Fuß durch die Hamburger Innenstadt - das kann ein Anschlag auf Gesundheit und Geldbörse sein. Muss aber nicht. Selbst im dicksten Gewühl finden sich Oasen. Seit Anfang der Achtzigerjahre haben finanzkräftige Investoren eine Schneise nach der anderen durch die City geschlagen. Zwischen Rathaus und Gänsemarkt, zwischen Binnenalster und Stadthausbrücke ist ein komplett neues Einkaufsviertel entstanden. Das Besondere daran: alles unter Dach und Fach.
Alsterarkaden
© Hamburg Tourismus GmbH
Der Rundgang beginnt an der Ecke Jungfernstieg bei den Alsterarkaden. Der Bogengang wurde zusammen mit den Stadthäusern nach dem Großen Brand von 1842 errichtet. Der mittlere Teil der Alsterarkaden brannte Anfang der Neunzigerjahre noch einmal aus und wurde originalgetreu wieder aufgebaut. Genau an dieser Stelle führt die sehr schöne Mellinpassage hinüber zum Neuen Wall. Darin untergebracht gleich drei stilvolle Einrichtungen: ein Ableger von Hamburgs syrischem Restaurant Saliba, Hamburgs traditionsreichster Herrenausstatter Ladage & Oelke und Hamburgs schönste Buchhandlung, die Bücherstube Felix Jud, wo die Rezensionen gleich im Schaufenster hängen und anspruchsvolle Belletristik gepflegt wird. Vorbei an Armani, Hermès und anderen Modegrößen geht es vom Neuen Wall rechts in die Poststraße und am Bleichenfleet linker Hand hinein in die Galleria. Auch an diesem Ort des gehobenen Kommerzes findet sich erstaunlicherweise eine sehr ambitionierte Buchhandlung: Von der Höh (Große Bleichen 21) hat sich auf Kunst, Design, Werbung und Mode konzentriert.
Hanseviertel - größte Passage in der City
© Rudi / pixelio.de
Gegenüber liegt der Eingang des Hörbuchladens Litraton (Große Bleichen 34): Wählen Sie zwischen 13 000 Hörtiteln auf CD oder Kassette. Etwas weiter biegen Sie dann rechts ins Hanse-Viertel ein. Städtische Noblesse soll sie nach dem Willen der Architekten ausstrahlen. Diesem Zweck dienen auch die bronzenen Fußbodenintarsien, die leider kaum beachtet werden: Sie zählen sämtliche Hansestädte auf und zitieren Ladungslisten von Koggen. Am Rondeel gönnen Sie sich unten im Mövenpick-Café eine Pause. Durch den Mittelweg geht es dann vorbei an der Spezialbuchhandlung für Schifffahrt und Verkehr Wede zum Ausgang Poststraße.
Noch ein Gläschen Champagner gefällig? Am Hummerstand können Sie sich ausgiebig von anderen Flaneuren bewundern lassen. Gerhof- und Gänsemarktpassage führen von da aus bis unter die Colonnaden. Im Stil der Neorenaissance errichtet, sind sie eigentlich ein Schmuckstück; die alteingesessenen Spezialgeschäfte klagen allerdings über den baulichen Verfall. Gehalten hat sich Pfeifen Tesch (Colonnaden 10), seit 1880 unverändert an dieser Stelle und unter familiärer Führung. Zwei begehbare Humidore beherbergen auch kostbare Zigarren. Falls Sie jetzt Lust auf einen Dämmerschoppen haben: Seit Jahrzehnten treffen sich Hamburger Freunde des guten Frankenweins dazu im Bocksbeutel (Colonnaden 54).
Auf dem Rückweg zum Rathausmarkt erinnert am Eingang zur Passage Hamburger Hof ein kleines Schild an Ida Dehmel, die weithin vergessene Ehefrau des ebenso vergessenen Dichters Richard Dehmel, die an dieser Stelle 1926 die Gemeinschaft deutscher und österreichischer Künstlerinnen (Gedok) ins Leben rief; ihr eigenes beendete die Jüdin 1942 unter den Nazis. "Wir alle leben vom geborgten Licht", schrieb ihr Mann. Gönnen Sie sich eine Praline in der Konditorei Andersen (1. Stock, Hamburger Hof). So gestärkt, geht es dann in die Passage Alte Post. Sie beherbergt Hamburgs größte Buchhandlung Thalia (Große Bleichen 19). So viel Geist im Herzen der Kaufmannsstadt - nicht einmal Heinrich Heine hätte damit gerechnet. Auf dem Rathausmarkt stützt er gedankenvoll sein Denkmalhaupt: "… aber ein Schwert soll man mir auf den Sarg legen, denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit."
Auf dem Wasserweg durch Hamburg
Wasser ist das bestimmende Element der Hansestadt, nicht nur am Hafen, sondern auch im Zentrum. Am besten lassen sich Alster, Kanäle und Fleete vom Alsterdampfer aus entdecken. Los geht es ist immer am Anleger Jungfernstieg, Fahrzeit je nach Tour ein bis drei Stunden.
"Wat mutt, dat mutt", informiert der Kassierer der Alster-Touristik GmbH am Jungfernstieg seine Kundschaft, und wo der Mann Recht hat, hat er Recht: Ohne Alsterrundfahrt ist ein Hamburg-Besuch nicht komplett. Es ist nur auf den ersten Blick schwierig, sich zu entscheiden, denn während der Hauptsaison (Ende April bis Ende September) legt beinahe viertelstündlich einer der weißen Dampfer ab. Und die Süßwasserkapitäne mit ihren goldenen Litzen sehen streng auf die Uhr.
Alsterdampfer am Jungfernstieg
© Alster Touristik GmbH
Da gibt es die einfachste Variante, die Alsterrundfahrt, die eine knappe Stunde dauert. Uhlenhorst, Winterhude, Eppendorf, Harvestehude, Rotherbaum - alle diese Stadtteile haben ihr grünes Alsterufer, und das lässt sich vom Schiff aus bequem besichtigen. Auf jedem Tisch klebt ein Plan, und so kann man mit dem Finger verfolgen, wo man gerade ist. Gibt es das in einer anderen Großstadt? Ein Binnensee als Mittelpunkt? Und alles so proper und ganz in Weiß …
Die Alster-Kreuzfahrt ist ein Überbleibsel aus jener Zeit, als die Dampfer noch öffentliche Verkehrsmittel waren. Neun Stationen werden angelaufen, vom Jungfernstieg bis zum Winterhuder Fährhaus und das Ganze wieder zurück, das dauert dann knapp zwei Stunden, aber man kann jederzeit aussteigen, z. B. an Fiedler's Café (Hofweg 103) oder bei Bobby Reich, und dort einen - dank Fahrschein kostenlosen - kleinen Likör zu sich nehmen und sich Gedanken darüber machen, wo die Hamburger nur die viele Freizeit hernehmen.
Dann gibt es die Fleetfahrten, von der Alster über die Schaartorschleuse in die Speicherstadt (Dauer etwa zwei Stunden). Außerdem die Kanalfahrten, weit hinein in die kanalisierte Osterbek, zum Stadtparksee, Goldbekkanal und Rondeelteich oder alternativ über Leinpfad-, Insel-, Skagerrak- und Brabandkanal. Da beugen sich alte Bäume tief ins Wasser, grüßen prachtvolle Gärten und vornehme Villen, nur deren Bewohner, die vielleicht gerade im Garten weilen, die grüßen garantiert nicht zurück. Eine Fläche von gut 180 ha umfasst die Alster. Ihr Inhalt entspricht in etwa dem täglichen Wasserverbrauch der Stadt. Sauberer ist sie auch wieder geworden, seit mit erheblichem Aufwand dafür gesorgt wird, dass die Hamburger Siele nicht mehr bei jedem Sturzregen überlaufen. Fehlt nur noch eine Badeanstalt, wie sie im vorigen Jahrhundert existierte.
Drei Stunden lang dauert die ca. 20 km lange Tour bis Bergedorf in die Vierlande. Über die Dove-Elbe mit ihren Wiesen, Feldern und Freizeitkapitänen ist das dann schon ein veritabler Schiffsausflug. Das Schiff legt im Zentrum von Bergedorf an, in Fußwegnähe des schönen Wasserschlosses. Für die Rückfahrt bietet sich die S-Bahn an. Ein Tipp: Reservieren Sie für diese Tour Karten.
Die schönste Alsterfahrt freilich ist nach übereinstimmender Meinung aller Romantiker der stimmungsvolle Dämmertörn, der im Sommer täglich um 20 Uhr losgeht und der Route einer der beiden Kanalfahrten folgt.
Auskunft: Alster-Touristik, Tel. 357 42 40, www.alstertouristik.de. Fast alle Touren starten während der Sommermonate, April-September, täglich vom Anleger Jungfernstieg aus. Preisbeispiele: Rundfahrt 10 Euro, Fleetfahrt 15 Euro, Kanalfahrt 13 Euro, Kinder jeweils die Hälfte, Ermäßigungen für Familien und Inhaber der Hamburg und Metropol Card. Auch private Charterfahrten möglich.
Durch das Blankeneser Treppenviertel
Wer Blankenese zu Fuß entdecken will, sollte sich mit festem Schuhwerk rüsten. Tausende von Treppenstufen führen durch das einstige Fischerdorf - heute Nobelwohnort für die, die es in der Hansestadt zu etwas gebracht haben und dies auch gerne immer wieder zeigen. Für den ungehetzten Spaziergang mit obligatorischer Kaffeepause kann gut ein halber Tag eingeplant werden.
Breckwoldt muss man heißen. Dann zählt man zum echten "Treppenadel". Alle anderen sind in Blankenese mehr oder weniger zugezogen und mehr oder weniger neureich. Das soll aber niemanden daran hindern, das "Positano des Nordens" zu besuchen.
Treppenviertel Blankenese im Frühling
© Bernd Sterzl / pixelio.de
Vom Jungfernstieg aus sind es exakt 26 Minuten mit der S-Bahn (S 1), bis das Großstadtgetümmel übergeht in Grün und Vorgartenidyll. Der Spazierweg beginnt am S-Bahnhof Blankenese und führt über die Kreuzung an der Sparkasse vorbei in Richtung Elbe. Hinter dem Marktplatz geht es links in die Auguste-Baur-Straße, an deren Ende rechts und gleich wieder links in Baurs Park. Angelegt um achtzehnhundertnochwas vom Konverenzrat Baur. Der hatte nicht nur so viel Geld, dass er die gesamte Erde für seinen Park aus dem Alten Land hierher schaffen ließ, sondern außerdem elf Kinder, 34 Enkel und 22 Urenkel sowie ein langes Leben; erst mit 96 Jahren segnete er das Zeitliche. Sein einst prachtvolles Wohnhaus, 1826 von einem Neffen des berühmten Architekten Hansen errichtet. Den Kanonenberg ließ der Kaufmann Baur errichten, um seine Schiffe mit Böllerschüssen begrüßen zu können. Von hier aus geht der Blick hinüber nach Finkenwerder und elbabwärts. Vom Kanonenberg führt der Spazierweg weiter am Elbhang entlang Richtung Westen.
Sie erreichen die Blankeneser Hauptstraße und beginnen dort Ihren Abstieg durch das Treppenviertel zur Elbe - am besten über den Baurs Weg. Bröers Treppe zweigt rechts ab und leitet in einer Serpentine auf die Breckwoldtstraße, die nur deshalb Straße heißt, weil es die erwähnte Familie Breckwoldt zu ehren gilt. Sie mündet in die Strandtreppe, die zum Strandhotel führt. Ein paar Schritte sind es von da aus auf die Blankeneser Landungsbrücke, "Op'n Bulln" genannt, weil hier in grauer Vorzeit Vieh verladen wurde. Kaffee und Kuchen gibt es überall am Strandweg, z. B. 300 m weiter beim Bäcker, ungefähr da, wo der Leuchtturm steht. "Rutsch" heißt dann eine Treppe, die wieder aufwärts führt, bis auf die Höhe der Elbterrasse. Noch höher, nämlich in schwindelnde 74,7 m über NN, führt die Süllbergterrasse auf den berühmten Süllberg, wo Starkoch Karl-Heinz Hauser seine Gäste im Seven Seas verwöhnt. Günstiger als ein Menü im Restaurant ist ein kleines Helles im göttlich gelegenen Biergarten. Alternative: Sie steigen etwas weiter ab und schlemmen Torte in Schuldt's Kaffeegarten.
Über die Süllbergterrasse und durch Gässchen, die so absonderliche Namen wie Philippsstrom tragen, geht es talwärts bis zur Haltestelle der Buslinie 48, die den Spaziergänger zurück zum Bahnhof bringt. Topografisches Fazit: Höhe gewinnen ist im Treppenviertel schwer. Höhe halten unmöglich.