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Kulturhauptstadt Istanbul 2010

Die Bosporusmetropole zwischen Emanzipation und Pascha-Kult

 Autor: Rainer Heubeck
Ein Mann mit Schnurrbart, der eine mit einem Tschador bekleidete Frau, die circa drei Meter hinter ihm steht, an einem Seil hält. Eine Frau mit Umhang und Kopftuch, mit einer eisernen Kette an ein Wagenrad gefesselt, das zu einem Gefährt gehört, das mit roten türkischen Fahnen geschmückt ist; eine Astronautin in einer Raumkapsel, verhüllt von einer Burka.
Drei Werke der Istanbuler Künstlerin İnci Furni, die auf der Istanbuler Biennale ausgestellt waren. Eine Kunstausstellung, die 2009 zum 11. Mal durchgeführt wurde, und die deutlich machte, dass Istanbul, was Kunst, Kultur und geistige Auseinandersetzung betrifft, keineswegs eine in orientalischen Träumen versunkene Stadt ist.

Europäische Kulturhauptstadt 2010

Blick von der Altstadt über das Goldene Horn nach Karaköy
Blick von der Altstadt über das Goldene Horn nach Karaköy
"Die inspirierendste Stadt der Welt" - so wirbt Istanbul für das Jahr 2010, ein Jahr, in dem die Bosporusmetropole – neben dem Ruhrgebiet und der südungarischen Stadt Pecs – als europäische Kulturhauptstadt im Scheinwerferlicht steht.
Auf der Agenda: Mobile Kunst, die Menschen in den Vororten den Zugang zu künstlerischen Arbeiten ermöglicht sowie ein Austauschprogramm, bei dem international renommierte Fotografen sowie Video- und Performancekünstler mit türkischen Nachwuchstalenten zusammen arbeiten. Doch auch ein Barbarossaballett und ein U2-Konzert finden sich in dem Kulturhauptstadtprogramm, für das mehr als 2000 Projektvorschläge eingegangen waren.

Historische Schätze

Für das mittlerweile begonnene Jubeljahr hat die 15-Millionnen-Stadt an der Grenze zwischen Europa und Asien auch ihre historischen Schätze fein gemacht – etwa die Hagia Irena, die Irenenkirche, die Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert als erste Kirche im damaligen Konstantinopel hat bauen lassen. Sie steht im ersten Hof des Topkapi-Palastes.
In diesem legendären Sultanspalast residierten einst die osmanischen Herrscher - mitsamt weißer und schwarzer Eunuchen, Hunderten von Köchen und 2000 Haremsdamen.
Nicht weit vom Topkapi-Palast entfernt findet sich die Hagia Sophia, eine der ältesten Monumentalkirchen der Welt. Das 55 Meter hohe Gebäude wurde von 532 bis 537 nach Christus errichtet. In der Kirche wurden die byzantinischen Kaiser gekrönt – doch nach dem Sieg des Islams im Jahr 1453 verwandelte man sie in eine Moschee. Seit dem vergangenen Jahrhundert dient die Hagia Sophia nun als Museum.
Im Inneren der Blauen Moschee
Im Inneren der "Blauen Moschee"
Die heutige Hauptmoschee Istanbuls, die Sultan-Ahmed-Moschee, liegt nicht weit von ihr entfernt. Ihr Inneres ist mit kunstvollen blauen Ornamenten dekoriert, deshalb wird sie die "blaue Moschee" genannt. "Früher kamen zum Freitagsgebet zwischen 2500 und 3000 Menschen hierher, da war die Moschee voll, heute versammeln sich freitags vielleicht noch 150 bis 200 Gläubige", berichtet Oktay Özserbetci, ein Mitarbeiter der türkischen Incoming-Agentur Gemini Tourism.

Neue Attraktionen im Kulturjahr

Die blaue Moschee mit ihren sechs Minaretten, die Hagia Sophia, der Topkapipalast, aber auch der Große Basar und der Gewürzbasar werden wohl kaum von einem Istanbul-Erstbesucher ausgelassen. Dazu kommen im Laufe des Kulturjahres neue Attraktionen – darunter ein Museum, das die Inseln im Istanbuler Stadtgebiet vorstellt und ein "Museum der Unschuld", dessen Gründung der türkische Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk angeregt hat.
Ein weiteres Event plant der Istanbuler Künstler Ismal Acar. Er will das Äußere des Haydarpaşa-Bahnhofs mit Bildern orientalischer Paschas dekorieren. Ismail Acar, der im lebhaften Beyoğlu-Viertel am nördlichen Ufer des Goldenen Horns wohnt, malt mit Vorliebe bärtige Männer mit Haaren auf der Brust und mit Narben am Arm - und nicht, wie İnci Furni, an der Kette gehaltene, unterdrückte Frauenfiguren.
Acar sieht viele der Veränderungen im modernen Istanbul kritisch. "Istanbul ist eine sehr alte Stadt, sie war Hauptstadt mehrerer Imperien. Doch nun wird in Istanbul in kurzer Zeit sehr viel Kapital investiert, es werden Hochhäuser gebaut, die genauso gut in Dubai oder Hongkong stehen könnten. Meiner Meinung nach gefährdet das den Charakter der Stadt", beteuert Ismail Acar, bevor er auf den Balkon seines Ateliers tritt – und dort auf das Goldene Horn blickt und die Rufe der Muezzin hört, die in den Istanbuler Abendstunden vielstimmig erschallen.
Fotos: © Rainer Heubeck

Einreise: Für Reisende aus Deutschland genügt ein gültiger Personalausweis, die Mitnahme eines noch mindestens sechs Monate gültigen Reisepasses ist empfehlenswert.
Ideale Reisezeit: März bis Oktober.
Infos zu Istanbul erhalten Sie beim Fremdenverkehrsbüro Regionaldirektion Süleyman, Tel. 0090212-25877660. Im Internet finden Sie Infos unter english.istanbul.gov.tr
Zum Programm des Kulturhauptstadtjahres informiert die Website www.istanbul2010.org.
Moderne Kunst in Istanbul:
Istanbul Modern, Meclis-i Mebusan Caddesi, Antrepo Nr. 4, 34433 Karaköy, Tel. 0090212/3347300, www.istanbulmodern.org.
Geöffnet Dienstag bis Sonntag ab 10 Uhr, Eintritt 7 Türkische Lira, dienstags kostenfrei.
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