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Zu Besuch in einer jungen Stadt der Lebenslust, einer Metropole mit dörflichem Charme!
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Lebensart

Fischer nahe der Galata-Brücke
Fischer nahe der Galata-Brücke
Das Leben am Meer
"Deniz", das Meer, prägt İstanbul in jeder Hinsicht: Seine manchmal mehrmals täglich wechselnden Winde kennen am besten die Fischer. Mit den Strömungen ziehen abwechselnd die Seebarsch- oder die Sardinenschwärme durch die Meerenge. İstanbuler lieben den "poyraz" aus dem Nordosten und hassen den "lodos" aus dem Süden - bei "poyraz" wird es zwar etwas kühl, aber die Luft wird so rein, dass jedes Detail am gegenüberliegenden Ufer sichtbar wird. Bei "lodos" hingegen strömen schlagartig Wärme, Regen, Nebel und Smog herbei.
Kulturelle Vielfalt
Weit größer als İstanbuls architektonische Vielfalt ist jedoch der bunte Mix seiner Bewohner. Über Jahrhunderte ist die Nase zwischen Bosporus und Marmarameer immer wieder von neuen Gruppen besiedelt, erobert und geprägt worden. Griechen und Römer, Perser und Kreuzritter, Tataren und Türken haben ihre Spuren hinterlassen. Aus allen Teilen des ehemaligen Osmanischen Reiches leben heute Nachkommen früherer Untertanen in İstanbul. Seit byzantinischen Zeiten gibt es Niederlassungen der Venezianer und Genuesen. Die Nachfahren der 1492 aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden versuchen mit Mühe, ihre alte Kultur beizubehalten.
Ungeregelte Bebauung in Istanbul
Ungeregelte Bebauung in Istanbul
Die Charaktere der Stadt
Was İstanbul heute am meisten prägt, ist nicht die Zahl der Einwohner, sondern ihr anatolischer Charakter. Vier von fünf Einwohnern sind erst in den letzten dreißig Jahren aus allen Teilen des Landes in die Stadt gekommen. Noch Mitte der 60er-Jahre lebten hier nur 2,5 Millionen Menschen, und der größte Teil des heute dicht bebauten asiatischen Ufers bestand aus Sommerhäusern im Grünen oder war Wald und Weideland. Auch auf der europäischen Seite wucherte die Stadt vom Meer weg nach Norden mit Stadtvierteln, die mehr an anatolische Dörfer erinnern als an eine moderne Stadt. Weil Neuankömmlinge sich immer an diejenigen hielten, die aus ihrem Dorf bereits da waren, wurde İstanbul zu einem Mikrokosmos der Türkei. So drohte diese Masseneinwanderung zeitweilig den Charakter İstanbuls völlig zu verändern. Im ständigen Widerstreit von Stadt und Land schien das Land das urbane, kosmopolitische Zentrum buchstäblich zu ersticken. Hinzu kam, dass auf Grund politischer Konflikte in dieser Zeit auch die İstanbuler Griechen, die die Stadt mit geprägt hatten, vertrieben wurden. Mittlerweile ist der Zuzug abgeflaut, die Infrastruktur dem Zustrom angepasst worden. Zwar ist der Verkehr immer noch eine Katastrophe, aber die Wasserversorgung wurde verbessert, moderne Strom- und Kommunikationskabel wurden verlegt und sogar die Industriebrachen am Goldenen Horn teilweise saniert und in Parks verwandelt.
Junge Szene
Obwohl fast 3000 Jahre alt, ist İstanbul eine erstaunlich junge Stadt: 60 Prozent der Einwohner sind unter 30. Deshalb gibt es zehn große Universitäten, die Straßen sind voller junger Leute, die alle ihr Glück machen und ihren Altersgenossen in New York, Berlin oder Paris nicht nachstehen wollen. Und İstanbul ist schnelllebig. Ständig werden neue Geschäfte oder Cafés eröffnet, um dann manchmal schon nach wenigen Monaten wieder zu schließen. Gesetzte İstanbuler gehen gerne essen und kaum in eine Kneipe, während die Straßen und Musikclubs der Jugend überlassen werden. Das Inviertel der jungen Szene ist Beyoğlu mit seinen Bohemekneipen und Tagescafés in großen Altbauhäusern. Hier finden oft Lesungen statt, abends treten einheimische Rock-, Jazz- und Bluesgruppen auf - die beliebtesten Musikrichtungen in İstanbul. Diesen Sound der Stadt fing der preisgekrönte deutschtürkische Regisseur Fatih Akin in seinem Film "Crossing the Bridge" ein, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2005 uraufgeführt wurde.
Das zweite Zentrum liegt auf der asiatischen Seite in Kadıköy. In der Fußgängerzone an der Fähranlegestelle gibt es Passagen wie Akmar mit seltenen Jazz-CDs bis hin zu Piercinggeschäften, große Buchläden mit integrierten Cafés, Filmtheater und Musiklokale. Seitdem sich mit der Kadife Sokak auch eine große Kneipen- und Cafészene hier ansiedelte, brauchen die "Kids von drüben" nicht mehr zum Ausgehen auf die europäische Seite zu fahren.
Die heimliche Hauptstadt
Von Byzanz über Konstantinopel bis İstanbul hat diese Stadt mehr Auf und Ab erlebt als die meisten anderen. Und dass der Republikgründer Kemal Atatürk nicht sie, sondern Ankara zu seiner Auserwählten machte, hat die Grande Dame sehr souverän gemeistert. Nach der ersten Lähmung während der 20er- und 30er-Jahre, als die junge Republik all ihre Ressourcen in die neue Hauptstadt steckte und İstanbul langsam in einen geschichtlichen Dämmerschlaf zu versinken drohte, ist die Vitalität der natürlichen Metropole wieder erwacht. Heute besitzt Ankara zwar das Etikett, aber İstanbul die meisten Attribute einer Hauptstadt. Hier sitzen das Geld, die Intelligenz, die Kunst und die Medien - in Ankara hingegen nur das betuliche und langweilige Pärchen Bürokratie und Diplomatie. Und längst gilt wieder der etwas hochmütige, aber doch von den meisten ehrlich gemeinte Spruch: Das Schönste an Ankara ist der abendliche Rückflug nach İstanbul.
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