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Stadtspaziergänge

Einblicke in das christlich-jüdische İstanbul
İstanbuls alte Stadtteile Fener und Balat am Goldenen Horn waren in osmanischer Zeit christliche und jüdische Viertel. Angefangen vom Sitz des Oberhauptes der orthodoxen Kirchen weltweit bis zu den besterhaltenen byzantinischen Mosaiken sind hier beeindruckende Zeugnisse der christlichen Kultur des ehemaligen Konstantinopels zu sehen. Der fünf- bis sechsstündige Spaziergang führt Sie durch eins der historisch interessantesten Gebiete İstanbuls.
Seine Allheiligkeit Bartholomäus I.
Seine Allheiligkeit Bartholomäus I.
© Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel
Der Rundgang beginnt am Ufer des Goldenen Horns am Fener Vapur İskelesi, dem Fähranleger in Fener, wohin von Eminönü stündlich Fähren verkehren. Die Geschichte des ursprünglich griechischen Viertels ist bis heute lebendig. Gehen Sie vom Anleger aus - dort ist auch eine auffällige Polizeistation - ins Viertel hinein und wenden sich linker Hand zur Sadrazam Ali Paşa Caddesi. Hier liegt rechts hinter hohen Mauern das Griechisch-Orthodoxe Patriarchat, wo seit 1601 das Oberhaupt der gesamten orthodoxen Kirche lebt. Zwar genießt der orthodoxe »Papst« innerhalb der griechischen, bulgarischen, serbischen und russischen orthodoxen Kirchen nicht dieselbe Autorität wie der römische bei den Katholiken, doch erkennen alle den Patriarchen von Konstantinopel als spirituelles Oberhaupt an. Seit 1602 residiert das Patriarchat hier. Eine umfassende Restauration im 18. Jahrhundert hat dem Gebäude das heutige Antlitz verliehen. Eine breite Treppe führt zu dem großen, dreiflügeligen Tor, das geschlossen ist - seit genau 1821, als der damalige Patriarch Grigorios V. den Aufstand der Griechen in Hellas unterstützte und deshalb hier erhängt wurde.
Da der Komplex öffentlich nicht zugänglich ist, wenden Sie sich ein paar Schritte zurück in die Yıldırım Caddesi und von dort nach links in die Vodina Caddesi, die Hauptstraße von Fener. Die Griechen des Viertels gehörten zu den reichen Familien der Stadt, die den Balkanhandel kontrollierten und als Übersetzer und Diplomaten tätig waren. Biegen Sie von der Vodina links in die Fener Kireçhanesi Sokak ein, die nach oben zum Galatasaray Jungengymnasium führt. Das riesige Backsteingebäude thront wie eine Festung über Fener und war früher die Hauptbildungsstätte der İstanbuler Griechen. Immer noch in Betrieb, hat es nur noch wenige Schüler.
Wenden Sie sich hinter dem Gymnasium nach rechts und umrunden den gesamten Komplex vorbei an der Mesnevihane-Stiftung im Hof einer kleinen Moschee. Auf der anderen Seite des Gymnasiums, dort, wo es bereits wieder nach unten geht, passiert man zuerst das unscheinbare Griechische Mädchengymnasium und kommt dann linker Hand an der uralten byzantinischen Kirche der Heiligen Maria von den Mongolen vorbei, die seit den Zeiten Konstantinopels als Kirche überdauert hat.
Ein paar Schritte weiter trifft man auf die Çimen Sokak, die wieder bergab auf die Vodina führt. Wenden Sie sich nach rechts: Auf der linken Seite sehen Sie die leider sehr heruntergekommenen, ehemals prächtigen griechischen Bürgerhäuser. Sobald sich nach links eine Gasse zum Ufer hinunter öffnet, gehen Sie zur Uferstraße und treffen hier auf ein restauriertes byzantinisches Gebäude, das ehemals zur Stadtmauer gehörte und in dem heute auf Initiative einer feministischen Gruppe eine in der Türkei einmalige Frauenbibliothek untergebracht ist. Nur 200 m weiter die Uferstraße entlang steht die eiserne Sankt-Stephans-Kirche, deren Einzelteile 1871 in Wien gegossen und über die Donau und das Schwarze Meer nach İstanbul verschifft wurden. Der Legende nach soll der Sultan den Bau der Kirche unter der Bedingung erlaubt haben, dass er nur einen Monat dauert. In Wahrheit befürchtete er ein Aufkeimen des Nationalismus unter den Bulgaren.
Wenden Sie sich nach der Kirche wieder nach links und kommen nun langsam nach Balat ins frühere jüdische Viertel. Die zweite Parallele zur Uferstraße ist wieder die Vodina Caddesi. Folgen Sie ihr bis zur Ayan Sokak, wo Sie rechts abbiegen. In dieser Straße treffen Sie nacheinander auf einen uralten hamam, der auf Mehmet den Eroberer zurückgehen soll, eine schöne Moschee Sinans, die Feruh Kethüda Camii, und direkt daneben eine der ältesten armenischen Kirchen der Stadt, die Surp-Hiresdagabad-Kirche, ursprünglich auch ein byzantinischer Bau.
In Balat hatten sich Ende des 15. Jahrhunderts die aus Spanien vertriebenen Juden niedergelassen - an manchen Häusern ist über dem Erker noch der Davidstern zu erkennen. Viele von ihnen sind in den 50er-Jahren nach Israel ausgewandert, andere leben in der Stadt verstreut. In Balat selbst gibt es kaum noch jüdische Familien.
Kuppel in der Chora-Kirche
Kuppel in der Chora-Kirche
Linker Hand kommen Sie über die Dürriye Sokak zur Gevgili Sokak, wo die älteste Synagoge İstanbuls steht. Dann geht es zurück auf die Kürkçü Çeşme Sokak, die Einkaufsstraße des Viertels, die den Hügel hinaufführt. Auf halber Höhe geht es rechts in die Pastırmacı Sokak, die als Treppe steil nach oben führt und auf der Paşa Hamamı Sokak endet. Rechts erblicken Sie auf freiem Feld die Molla Askı Camii mit Blick auf das Goldene Horn und die umliegenden Viertel. Gehen Sie etwa 1 km nach links, bis rechts die Kariye Türbe Camii Sokak abbiegt. Diese Gasse führt mit einem Schwenk weiter nach links direkt zur Chora-Kirche, wo die schönsten byzantinischen Mosaiken İstanbuls zu besichtigen sind.
Von der Chora-Kirche geht es die Kariye Caddesi hinauf zur 1600 Jahre alten Stadtmauer. Hier ist ein armes Viertel, wo etwas Vorsicht geboten ist. Wenige Hundert Meter weiter rechts entlang der Mauer erhebt sich als Teil der Befestigungsanlage der Tekfur Sarayı, die am besten erhaltenen Teile des früheren byzantinischen Kaiserpalastes. Unter den Osmanen diente die Anlage zuerst als Stallung für Elefanten und Giraffen, später als heimliches Freudenhaus. Zuletzt ließen die Sultane hier eine Neuauflage der berühmten İznik-Kacheln brennen.
Am Puls der Stadt
In Beyoğlu, entlang der İstiklal Caddesi, schlägt der Puls des heutigen İstanbul. Einst von den Genuesen gegründet und zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch das europäische Viertel, trifft sich heute hier die Jugend der Stadt. Der drei- bis vierstündige Spaziergang beginnt am Galata-Turm.
Galata-Turm
Galata-Turm
Der 1348 erbaute Turm verfügt im obersten Stockwerk über einen umlaufenden Freigang, von dem aus man einen wunderbaren Blick über das Goldene Horn und den größten Teil der alten Stadt hat. Folgen Sie vom Turm aus der Galip Dede Caddesi den Hügel hinauf. Ungefähr auf halber Strecke bis zur İstiklal Caddesi liegt rechts die Teutonia, ein grauer Backsteinbau, der früher die Anlaufstelle der deutschen Gemeinde in İstanbul war und heute noch Veranstaltungsort des Goethe- Instituts ist. Im Erdgeschoss befindet sich eine Galerie. Ein Stück weiter die Gasse hinauf, kurz vor dem Tünel-Platz, liegt das Antiquariat Librairie de Péra, in dem sich immer noch seltene alte Bücher finden lassen. Direkt gegenüber ist der unauffällige Eingang zum Galata Mevlevihanesi, dem Derwischkloster von Galata. Das Kloster ist heute ein Museum, das alte Musikinstrumente und Schriften beherbergt. Im Garten ist ein schöner kleiner Friedhof.
Wenden Sie sich nach rechts, dann erreichen Sie nach wenigen Schritten den Tünel, den oberen Ausgang der Untergrundbahn, die unten in Karaköy beginnt. Die 1875 erbaute Metro ist eine der ältesten, aber auch kürzesten der Welt. Vor dem Eingang endet die Straßenbahnlinie Tünel-Taksim, die im Look des 19. Jahrhunderts als Touristenattraktion durch die İstiklal bimmelt. Genau gegenüber dem Eingang zur Untergrundbahn öffnet sich eine Passage, in der sich eines der schönsten Beyoğlu-Cafés, das K & V (täglich von 9-22 Uhr geöffnet, €€), befindet. Vom Cafétisch aus schauen Sie in die Schaufenster des Artrium, einer Galerie, die auch schöne Antiquitäten führt.
Babylon
© www.babylon.com.tr
Durch die Passage geht es geradeaus weiter bis zur Asmalı Mescit Sokak. Auf einer wenige hundert Meter kurzen Strecke finden Sie zwei weitere gut sortierte Antiquariate, Eren Bücher und Ottomania, aber auch etliche ausgefallene Cafés und kleine Galerien. Etwas weiter linker Hand liegt in der Şehbender Sokak das Babylon, eine der besten Adressen für Pop-, Rock-, Jazz- und andere Konzerte, aber auch für Off-Theater und sonstige Szeneevents. Kurz nach der Şehbender Sokak passieren Sie die legendäre Künstler- und Intellektuellenkneipe Refik (Montag-Samstag von 21-1 Uhr geöffnet) und gehen dann wieder auf der Asmalı Mescit nach links den Hügel hinab. Wenden Sie sich am Ende der Gasse nach rechts, so stehen Sie vor dem einstmals berühmtesten Hotel des Viertels, dem Pera Palas. Das Haus hat zwar schon glanzvollere Zeiten und berühmtere Gäste gesehen, aber ist nach wie vor einen Besuch wert.
Vom Pera Palas geht es auf der Meşrutiyet Caddesi weiter rechts an einem großen Platz entlang, am italienischen Kulturzentrum vorbei bis Odakule, einem Bürohochhaus, wo man durch eine Fußgängerpassage zur İstiklal Caddesi, der Hauptschlagader Beyoğlus gelangt, einem der geschäftigsten Zentren der Stadt überhaupt. Wer sich in İstanbul verabredet, trifft sich in einer der Kneipen oder Cafés in den Seitenstraßen der İstiklal, wer ins Kino will, schaut zuerst nach den Filmen entlang der İstiklal, auch Diskos und Musik gibt es vor allem hier. Der Abschnitt vor Odakule gehört zu den ruhigeren der Straße. Gehen Sie nach links, so sehen Sie gleich auf der rechten Seite etwas nach hinten versetzt die größte katholische Kirche İstanbuls, die Sankt-Anton- Kirche.
Etwas weiter öffnet sich die Straße zu einem kleinen Platz vor einem riesigen schmiedeeisernen Tor. Dahinter verbirgt sich das Galatasaray Lisesi, das traditionsreiche französisch-türkische Elitegymnasium. Vor dessen Tor versammelten sich in den 90er-Jahren jeden Samstag die Mütter von Verschwundenen - zumeist Opfer des Kurdenkriegs - zu stummem Protest. Gegenüber dem großen Tor befindet sich der Eingang zur Çiçek Pasajı. Diese schöne Jugendstilpassage ist gedrängt voll mit Restaurants, in denen es jeden Abend hoch her geht. Folgt man der Passage, betritt man am anderen Ende den Galantasarayalık Pazarı, den schönsten Fisch-, Gemüse- und Obstmarkt der Stadt. Der Markt ist eine Augenweide und lohnt einen Bummel auch dann, wenn man gar nichts kaufen will. Ganz am Anfang des Marktes verbirgt sich auf der rechten Seite, hinter einer großen Eisentür ohne jede Beschriftung (notfalls in einem Laden nachfragen), Üç Horan, eine der schönsten armenischen Kirchen İstanbuls. Einige Schritte weiter zweigt ebenfalls nach rechts eine kleine Gasse mit einfachen, aber guten Fischrestaurants ab. Diese Kneipengasse namens Nevizade Sokak ist der beste Platz in Beyoğlu, wenn man für relativ wenig Geld gute "meze", also die typischen İstanbuler Vorspeisen, und einen akzeptablen Fisch unter freiem Himmel essen möchte.
Am Ende der Kneipengasse geht es nach rechts wieder zurück zur İstiklal Caddesi. Wenden Sie sich dann nach links, und Sie sind mitten im Getümmel von Einkauf und Vergnügen. Von hier bis zum Taksim-Platz reiht sich Kino an Kneipe, unterbrochen von schicken Boutiquen und alten Einkaufspassagen wie der Atlas-Passage, wo es sich lohnt, einmal einen Blick hineinzuwerfen. Kurz vor dem Taksim- Platz sehen Sie links das Gebäude des französischen Konsulats; rechts weist ein Schild mit der Aufschrift Hacı Baba den Weg zu einem lohnenden Mittagessen mit traditioneller Küche, wo auf der Terrasse dieses guten türkischen Lokals der Spaziergang zu Ende geht.
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