Lebensart
Charme vergangener Zeiten
Herzlich, offen und entspannt: So empfängt Lissabon seine Besucher. Majestätisch liegt die portugiesische Metropole an der breiten Mündung des Rio Tejo. Lissabon umgibt der unwiderstehliche Charme vergangener Zeiten; gleichzeitig pulsiert das Leben in der Hafenstadt am Südwestrand Europas. Lissabon - auf Portugiesisch Lisboa (sprich: Lischboa) - ist provinziell, großstädtisch, multikulturell und weltoffen. "Leben und leben lassen" ist das Motto. Ein gewisses Laisser-faire prägt die Stadt und ihre Bewohner fast mehr noch als die viel zitierte "saudade", jene melancholische Wesensart, die als Schlüssel zur Volksseele der Portugiesen gilt und die kaum in deutsche Worte zu fassen ist.
Saudade
"Wie ein Dolch rührt es im Herzen", so erklären Portugiesen bisweilen dieses Gefühl geradezu hemmungsloser Melancholie, das "saudade" heißt. Ein Wort, das man weder mit Wehmut noch Fatalismus, noch Sentimentalität, noch Melancholie treffend übersetzen kann, weil es von allem ein wenig meint. Man vermutet die Wurzel dieses leidenschaftlichen Gefühls in der islamischen Zeit. In der Fadomusik findet sie ihren künstlerischen Ausdruck.
Fahrt mit der Electrico 28
Hautnah mit Lissabon und seinen Bewohnern in Berührung kommen - nichts bietet sich dazu besser an als eine Fahrt mit einer der Uralt-Trams. Die berühmte Eléctrico 28 schaukelt Sie gemütlich quer durch die gesamte Innenstadt und die kurze Linie 12 rund um den Burgberg. Für Eilige ist die electrico allerdings nichts. Auch wenn Sie's bequem haben möchten, sollten Sie während der Rushhour auf den nostalgischen Trip verzichten. Nichts ist dann schöner, als in einem der zahlreichen Lissabonner Cafés bei einer "bica" (Espresso) oder einem "galao" (Milchkaffee) auf Tuchfühlung mit den Lisboetas zu gehen.
Schmelztiegel der Kulturen
Lissabon hat knapp 600000 Einwohner, im Großraum (Grande Lisboa) leben fast zwei Millionen Menschen. Die Stadt ist ein Schmelztiegel der Kulturen. Hunderttausende Zuwanderer (retornados) aus den ehemaligen Kolonien in Afrika strömten in den 60er- und 70er-Jahren ins Land. Sie haben sich in der portugiesischen Gesellschaft fast vollständig integriert. Zusammen mit den Einwanderern aus Brasilien, Indien (Goa) und dem chinesischen Macao gehören sie heute selbstverständlich zum Straßenbild der auf sieben Hügeln wuchernden Metropole. Zwar steigt die Bandenkriminalität im Festungswall der tristen Vorstädte, der Lissabon umgibt, doch die Verbrechensrate ist immer noch relativ gering.
Alfacinha
Alfacinha bedeutet Salatköpfchen (von "alface", Kopfsalat) und ist der Spitzname der Lissabonner ("lisboetas"). Der Schriftsteller Almeida Garrett prägte den Begriff. Eine mögliche Erklärung für diese Namensgebung liefert die angebliche Vorliebe der Lissabonner für Salat, im Gegensatz zu den "tripeiros", den Kuttelessern, aus Porto.
Schwof am Nachmittag
Am Wochenende treffen sich die einfachen Leute aus den Bairros im Mercado da Ribeira zum nachmittäglichen Tanzvergnügen. Die traditionellen "bailes" erleben hier ein grandioses Comeback. Im Sonntagsstaat wird zu Schlagermusik ("pimba") geschwoft. Samstag ab 15 Uhr, Sonntag ab 16 Uhr, Eintritt 3,50 Euro, im 1. Stock vom Mercado da Ribeira am Cais do Sodre.
Heilige
Die Religion spielt eine große Rolle in Portugal. 95 Prozent der Bevölkerung sind römisch-katholisch getauft. Und ein Papst bescheinigte den Portugiesen, das "religiöseste Volk der Welt" zu sein. Doch so ernst nehmen diese es mit der Kirche dann doch wieder nicht. Unter dem Mantel des Katholizismus haben sich alte Bräuche, Riten und Aberglauben zu einer eigensinnigen Mischung zusammengefunden. Mit Hingabe verehrt man "seinen" Hausheiligen, und für jedes große und kleine Problem gibt es den passenden Schutzpatron. Santa Lúcia hilft bei Augenleiden, Sao Braz bei Erkältung, Sao Pedro ist für die Fischer zuständig und Sao Roque für Warzen. Und wenn nichts mehr geht, kommt Santa Rita zum Zuge. Sie macht sogar das Unmögliche möglich.
Santo Antonio
Obwohl Sao Vicente der offizielle Schutzheilige Lissabons ist, verehren die Alfacinhas aus ganzem Herzen "ihren" Schutzpatron Santo António. Dieser wurde 1195 in Lissabon geboren, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens als Prediger und Mönch des Franziskanerordens in Frankreich und Italien, wo er 1231 in einem Kloster bei Padua starb. Deshalb wird er in der ganzen Welt, nur nicht in Lissabon, als heiliger Antonius von Padua angebetet. Zahlreiche Wundertaten werden ihm nachgesagt, vor allem aber wird er als Patron der Armen und der Liebenden verehrt.