Stadtgeschichte
Lloyd‘s Building
© Lloyd‘s copyright 2006
Wo heute die Finanzbroker in der City zwischen den glänzenden Bürotürmen und den Turmspitzen der alten Citykirchen zur Arbeit eilen, begann vor gut 2000 Jahren die Stadtgeschichte Londons als römischer Handelsplatz Londinium. Die Römer zogen Anfang des 5. Jhs. ab, weil sie auf dem Kontinent alle Hände voll zu tun hatten. Im 7. und 8. Jahrhundert kamen die Angelsachsen die Themse hochgesegelt, gefolgt im 9. und 11. Jahrhundert von den Wikingern. Der Sieg der Normannen bei der Schlacht von Hastings 1066 um die Krönungsnachfolge des letzten angelsächsischen Königs "Edward the Confessor", des Begründers von Westminster Abbey, sollte dann das letzte Mal sein, dass die Stadt eingenommen wurde.
Great Fire of London 1666
Im weiteren Verlauf des Mittelalters wuchs London zum Zentrum für Parlament, Königshaus und Handel aus den zwei Zentren "City" und "Westminster" am nördlichen Themseufer heran. Wirklich geplant wurde die Stadt nie. Nachdem die Flammen des "Great Fire of London" 1666 gut vier Fünftel der Holzhäuser verschlungen hatten, wurden immer wieder Gelegenheiten zu einer organisierten Stadtplanung verpasst, was der Metropole einen sympathisch-zusammengewürfelten Anstrich verleiht.
Die vier Siegermächte Sowjetunion (Osten), USA (Südwesten), Großbritannien (Westen) und Frankreich (Nordwesten) teilten nach ihrem Sieg das Stadtgebiet unter sich auf. Der sowjetisch-amerikanischen Konflikt führte 1948 zur Berlin-Blockade, so daß die drei Westsektoren der Stadt von den Aliierten nur noch über eine "Luftbrücke" versorgt werden konnten. 1949 verschärfte sich der kalte Krieg auch in Berlin nach der Teilung des Landes in die Bundesrepublik Deutschland im Westen und die Deutsche Demokratische Republik im Osten, der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt im Bau der Berliner Mauer durch die DDR am 13. August 1961 und teilte auch Berlin in Ost und West.
Hampstead, Kenwood House
© visitlondon.com
London ist aus Teilen zusammengewachsen: dem exklusiven Mayfair mit seinen bürgerlichen Stadthäusern, St James, dem Viertel der gediegenen Clubs, wo auch heute noch eine betuchte Klientel in dicke Ledersessel sinkt, dem "Lasterviertel" Soho mit seinen Stripclubs, Bloomsbury, dem Intellektuellenviertel des 20. Jahrhunderts, Greenwich mit seinem maritimen Flair, dem grünen Hampstead - ein homogenes Ganzes ist nie entstanden. "London: a nation, not a city", befand Benjamin Disraeli, Queen Victorias Premierminister, zu Anfang des 19. Jahrhunderts Traditionell verstanden sich die Cockneys (der Ursprung des Wortes ist unklar), geboren in Hörweite der Kirchenglocken von St-Mary-le-Bow im East End, als die wahren Londoner. Doch den "typischen" Londoner gibt es schon lange nicht mehr. Spätestens mit dem 17. Jahrhundert, als sich hugenottische Seidenweber aus Frankreich im East End niederließen, wurde London eine kosmopolitische Stadt.
Im 19. Jahrhundert kamen die Iren auf der Suche nach Arbeit über die Irische See; in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts folgte ein Schwung Einwanderer aus den karibischen Commonwealth-Staaten. Sie alle bauten eigene soziale Netze auf und bewahrten Teile ihrer Traditionen. Andere wiederum kamen und gingen: der Philosoph der französischen Aufklärung Voltaire suchte 1726 das Exil im toleranten London, Mahatma Gandhi ließ sich während seines Jurastudiums Ende des 19. Jahrhunderts von englischen Sozialisten und dem Dramatiker George Bernard Shaw inspirieren, und Hampstead sollte der letzte Wohnort des vor den Nazis fliehenden Sigmund Freud sein. Heute braucht man sich für einen repräsentativen Querschnitt durch die Londoner Bevölkerung nur im UBahn-Abteil umzusehen: ein Citymanager in Nadelstreifen neben einem afrokaribischen Teenager mit Dreadlocks, eine chinesische alte Dame, ein junger Skater, von Kopf bis Fuß in Sportdesigner-Labels, neben der Bengalin im Sari. Die Bombenanschläge vom Sommer 2005 haben die Weltoffenheit und multikulturelle Lebensart der Stadt nicht wirklich in Frage stellen können.
Queen Elizabeth II und Prinz Phillip
Politik
Schon vor 1066, als der Normannenkönig William der Eroberer hier seinen Regierungssitz einrichtete, war London der Sitz des englischen Königshauses. Der Monarch ist das Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, segnet Gesetze ab und ist oberster Befehlshaber der Armee. Das Portrait von Elizabeth II., Königin seit 1952, ziert Münzen und Briefmarken. Die Monarchie bedient tiefliegende Bedürfnisse der englischen Psyche nach einer stabilen, hierarchischen Gesellschaftsordnung mit elaborierten Ritualen und dem Glanz einer alten Tradition. Dabei ist die Macht der Queen symbolischer Art: Elizabeth II. mag alljährlich im Oberhaus die Regierungserklärung ("Queen‘s Speech") verlesen, geschrieben wird sie vom Premierminister und dem Kabinett. Im Gegensatz zur kinderlosen Tudor-Virgin Queen Elizabeth I. (1558 bis 1603), hält die Nachkommenschaft Elizabeth‘ II. den Tratsch am Laufen. 2005 hat Prince Charles seine langjährige Liebe Camilla Parker-Bowles geheiratet, und während der studierte Kunsthistoriker Prince William den Charme seiner Mutter Diana geerbt hat, tritt sein jüngerer Bruder Harry gelegentlich ins Fettnäpfchen.
Trotz des schottischen Parlaments in Edinburgh und der walisischen Nationalversammlung in Cardiff bleibt London das Zentrum der britischen Politik. Hinter der berühmten Tür von 10 Downing Street wohnt der Premierminister, und die "Houses of Parliament" gelten als Vorbild parlamentarischer Demokratien in aller Welt. Die (New) Labour Party wird von Modernisierer Tony Blair, die konservative Partei (die "Tories") von Margaret Thatchers Ex-Innenminister Michael Howard geführt. Das Mehrheitswahlrecht bewirkt, dass die dritte politische Partei, die links von Labour angesiedelten europafreundlichen Liberal Democrats unter Charles Kennedy, bis auf weiteres wenig Chancen haben. London hat erst seit 2000 wieder eine eigene gewählte Vertretung.