Stadtbild
Die legendäre Chinesische Mauer
© Torsten Weidemann / pixelio.de
Kaiserpalast, Himmelsaltar und Große Mauer: Das ist weniger als das Minimum, und doch bieten die meisten Pauschalreisen kaum mehr. Eine Woche Zeit sollten Sie Peking schon gönnen. Peking auf eigene Faust zu entdecken geht recht gut. Taxis sind billig. Für innerstädtische Touren ist ein Fahrrad ideal, denn nur wenige Ziele liegen in fußläufiger Entfernung voneinander. Manche Hotels vermieten selbst Räder, oder die Rezeption weiß, wo man eins bekommt. Es gibt keine regulären Stadtrundfahrten. Zu den Hauptattraktionen finden jedoch täglich Besichtigungstouren mit klimatisierten Bussen statt, zu buchen in jedem besseren Hotel.
Der erste Eindruck täuscht
Eines ist sicher: Peking bietet jede Menge Überraschungen, und dies bei jeder Wiederkehr von Neuem. Wer hier zum ersten Mal chinesischen Boden betritt, erlebt jedoch zunächst einen Schock. Auf endlos gerader Autobahn fährt man vom Flughafen aus auf eine gesichtslose, die meiste Zeit des Jahres von einer atemraubenden Abgasglocke halb verhüllte Hochhauskulisse zu, passiert Serien haushoher Reklametafeln, als sei hier der Hort des Kapitalismus, und wird schließlich an einem protzigen Hotelportal abgesetzt, bei dem allenfalls etwas chinesische Dekoration - meist ein Paar Steinlöwen - verrät, dass man soeben nicht in Kanada oder Australien, sondern in China gelandet ist.
Eine typisch chinesische Straßenkulisse
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Nur wenn die Herberge weiter Richtung Altstadt liegt, scheint ein wenig von dem auf, was man erwarten würde: Da ächzen Gelenkbusse unter ihrer Menschenlast, graue Häuschen mit chinesisch geschwungenem Dach werden sichtbar, und in einer Grünanlage am Straßenrand warten Freiluftfriseure auf Kundschaft.
Peking besteht aus drei Städten
Erst nach und nach erkennt man, dass das heutige Peking im Grunde aus drei Städten besteht, die sich zwar vermischen, es dabei aber fertig bringen, einander fast völlig zu ignorieren. Da ist zum einen das Peking der Kaiserzeit, die eigentliche Attraktion. Hierzu gehören der Kaiserpalast, die kaiserlichen Altäre, einige erhaltene Tempel und - im steten Schwinden begriffen - alte Wohnviertel, die aus den für Peking so typischen, eingeschossigen Hofhäusern bestehen.
Plattenbauten in Peking
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Auch die Anlage der inneren Stadtteile mit ihren langen und geraden, doch ursprünglich nicht sehr breiten Straßen und dem Gewirr schmaler Gässchen ist weitgehend aus alter Zeit erhalten geblieben. Das zweite Peking ist das sozialistische der Fünfziger- bis Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts Es zeigt sich in monumentalen, doch nicht besonders hohen Bauten in einem sinostalinistischen Stil, in unansehnlichen Plattenbauten und in jenem endlos langen und breiten Ost-West-Boulevard, der die ganze Stadt durchschneidet, in der Mitte markiert vom Platz am Tor des Himmelsfriedens, dem Zentrum des sozialistischen China.
Das dritte Peking, wieder völlig anders, ist das von heute, ein aggressiv wucherndes Gebilde aus spiegelnden Hochhäusern, knalligen Ladenfronten und Autobahnen, das sich - man sah es am Hoteleingang - hier und da ein wenig mit Imitaten klassisch-geschwungener Dächer oder anderem nostalgischem Firlefanz herausputzt, um seine Beliebigkeit und Hässlichkeit ein wenig zu bemänteln und eine kulturelle Kontinuität vorzuspiegeln, die nur noch Legende ist. Nirgendwo in Europa wurde seit den Achtzigerjahren so bombastisch gebaut wie hier - und mit dem Vorhandenen so konsequent tabula rasa gemacht.
Der idyllische Sommerpalast
© Torsten Weidemann / pixelio.de
Klassische chinesische Kultur
Was nun die Erwartungen an das alte Peking, an klassische chinesische Kultur und Zivilisation angeht, so ist man in der Tat an der richtigen Stelle. Der Kaiserpalast mit seinem würdevollen Rhythmus aus geschwungenen gelben Dächern, roten Säulen und weißen Höfen ist ein architektonisches Meisterwerk von großer Schönheit. Seine Kunstsammlungen präsentieren das kulturelle Erbe aus drei Jahrtausenden.
Die kaiserlichen Altäre, soweit noch vorhanden, künden von einem zentralen Anliegen der alten chinesischen Zivilisation - dem Wunsch nach Einordnung des Menschen in den Kosmos, dessen harmonische Kreisläufe zwischen männlich-aufstrebendem "yang" und weiblich-niedersinkendem "yin" als Vorbild für die Ordnung der Gesellschaft und für das menschliche Leben überhaupt empfunden wurden. Das gleiche Harmoniedenken liegt der klassischen Gartenkunst zu Grunde, wie sie etwa im Sommerpalast "Yihe Yuan " zu sehen ist. In den buddhistischen Tempeln, obwohl größtenteils nicht mehr in Betrieb, manifestiert sich der Glaube an die Möglichkeit individueller Erlösung.
Das dritte Peking, wieder völlig anders, ist das von heute, ein aggressiv wucherndes Gebilde aus spiegelnden Hochhäusern, knalligen Ladenfronten und Autobahnen, das sich - man sah es am Hoteleingang - hier und da ein wenig mit Imitaten klassisch-geschwungener Dächer oder anderem nostalgischem Firlefanz herausputzt, um seine Beliebigkeit und Hässlichkeit ein wenig zu bemänteln und eine kulturelle Kontinuität vorzuspiegeln, die nur noch Legende ist. Nirgendwo in Europa wurde seit den Achtzigerjahren so bombastisch gebaut wie hier - und mit dem Vorhandenen so konsequent tabula rasa gemacht.
Verlust und Veränderung
Obwohl die Kommunisten sich im Ruhm der Stadt sonnten, gingen sie mit dem jahrhundertealten Erbe wenig pfleglich um. Im Ergebnis blieben nur die wichtigsten kaiserlichen Bauten bestehen, und das meiste andere wurde vernachlässigt, abgerissen oder umgebaut. Falsch verstandene Fortschrittsideale machten aus dem Gesamtkunstwerk der alten Residenzstadt zunächst einen qualmenden Industriestandort - Peking sollte eine Hauptstadt der Arbeiterklasse werden -, und nun steht eine Metropole des 21. Jahrhunderts auf dem Programm.
Chinesisches Nationalmuseum
© Baris Selcuk / www.insidebeijing.de
Das Stadtbild sieht bereits ganz danach aus. Die Altstadt wird auf Inseln im Hochhausmeer reduziert und mutiert vom Slum zum Wohngebiet für die Elite. Im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2008 ist außer einem weiteren Verlust an Altpekinger Flair jedoch auch viel Positives zu erwarten: saubere Luft und effektivere Verkehrsmittel - und besser restaurierte Altertümer sowie Museen von internationalem Standard.
Peking, mit 8,4 Millionen Einwohnern (ohne Landbezirke) zweitgrößte Stadt des Landes, bleibt dennoch die chinesische Stadt mit den meisten und größten Sehenswürdigkeiten. Das China der Ming-Zeit, das Reich der Mandschu, die Zukunftshoffnungen des sozialistischen China, das neue nationale Selbstbewusstsein dieser werdenden Weltmacht und ihre boomende Wirtschaftskraft - hier wird alles an einem Ort erlebbar. Ein ewiges China, so muss man jedoch erkennen, gibt es nicht, und wer richtig alte Altertümer sehen will, muss nach Xi'an oder Datong fahren. Schönheit aber und Weisheit, Machtgelüste und Launen, Alltag und Religion einer so fern erscheinenden, alten Kultur und ihrer Menschen zu erleben und nachzuvollziehen, dazu ist ein Besuch Pekings hervorragend geeignet, und für jeden Wiederkehrer gibt es einen Strauß neuer Überraschungen.