Lebensart
Belebte Gasse in Prag
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Alta Moda
In Prag wird immer noch viel improvisiert, und das gilt nicht nur für die Architektur. Viele Pragerinnen überbieten im Alltag manches locker an Chic, was man in Mailand oder Paris trifft. Natürlich gibt es auch hier jene kessen Kleidchen mit den teuren Namen, aber viele machen ihre „alta moda“ selbst, verändern die Vorlagen nach Geschmack und interpretieren gegen das Schema. Vor der "Samtenen Revolution" von 1989 zeichnete das die Hauptstadt schon einmal aus, und einiges davon ließ sich in die heutige Zeit retten.
Mit Phantasie, Vielfalt und Differenz hat auch das freie Unternehmertum zu tun. Manche Illusion ist bereits zerplatzt, weil man glaubte, für jedes Angebot sei Publikum da. Da ist vieles in Naivität zerflossen, was arg- und ahnungslos angepackt wurde. Mancherorts muss man sich die Augen reiben: Die Gründungen der ersten Generation sind längst verschwunden, aus der Toreinfahrt lugt bereits die dritte Eröffnung nach der Wende. Noch viele Prager Gewerbetreibende müssen lernen, dass der stabile Umsatz von den Heimischen kommt, dass ihr Angebot in erster Linie ihnen nützen sollte. Der Fremdenverkehr wird dann von selbst davon profitieren.
Straßencafé in der Prager Altstadt
© Czech Tourism
Kaffeehauskultur
Stark gelitten hat in den vergangenen Jahrzehnten die Kaffeehauskultur. Diese Institution war bei der Gründung der Tschechoslowakei 1918 gern aus der Erbmasse der zerfallenen Donaumonarchie übernommen worden. Das Kaffeehaus war ein Ort der Künstler und der Damen, und die Ober rasierten sich zweimal täglich. Der Geist dieser Begegnungszentren lebt noch fort in den Geschichten des "rasenden Reporters" Egon Erwin Kisch, des großen Pragers.
Aus legendären Häusern wurden Touristenfallen, andere ehemalige Schauplätze des mitteleuropäischen Kulturlebens gingen ganz unter. Mittlerweile gelang es privaten Investoren, einige Cafés wieder zu beleben, und interessante Neuerungen sind dazugekommen. In manchen Kaffeehäusern sieht man wieder Zeitungsleser, die bei einem "Türkischen" oder einem "Kleinen Braunen" einen genussvollen Nachmittag verbringen.
Künstler und Studenten
Die "Szene" ist euphorisch: Die Zahl der Ausstellungen junger Künstler steigt, ebenso die der Bücher- und Plattenveröffentlichungen. Viele junge Tschechen ziehen in die Hauptstadt, sie senken den Altersdurchschnitt auf momentan 39 Jahre. Die Karlsuniversität und elf Hochschulen bieten ein breites Angebot für Studenten, die mit ihrer Landflucht aber für Wohnungsprobleme in der Stadt und für Entsiedlung in den Provinzen sorgen.
Kafka Denkmal in der Vězeňská-Straße
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Franz Kafka
Im Alltagsleben war der Sohn eines jüdischen Gemischtwarenhändlers als Sachbearbeiter bei der Prager Arbeiter- und Unfallversicherung tätig. Aber daneben, meist nachts, schuf Franz Kafka (1883-1924) ein einzigartiges Werk von deutschsprachigen Novellen, Romanen und Kurzgeschichten. Der chronisch Lungenkranke verstand es in Texten wie "Der Prozess" glänzend, den Einzelnen als ohnmächtigen Spielball höherer Instanzen darzustellen, und erwies sich in Geschichten wie "Die Verwandlung" als Meister der Groteske. Dem kommunistischen Regime waren die kafkaesken Visionen zu wirklichkeitsnah, und bis 1989 blieb der weltbekannte Autor, der auf dem neuen jüdischen Friedhof begraben liegt, in seiner Heimat verfemt. Für Kafka war Prag ein "Mütterchen mit Krallen". Mit seiner Geburtsstadt verband ihn eine glühende Hassliebe: "Man müsste sie von zwei Seiten anstecken", schrieb er einmal. Nach langer Krankheit starb Kafka unverheiratet, kinderlos und zu keinem besonders großen Ruhm gelangt in einem Lungensanatorium in Kierling bei Wien. Sein Freund Max Brod verbrannte entgegen dessen ausdrücklichem Wunsch Franz Kafkas Texte nicht und schenkte damit der Welt ein großes Vermächtnis - und der Prager Tourismusindustrie einen schier unerschöpflichen Werbeträger. Seit 2003 besitzt Kafka in der Vězeňská-Straße ein eigenwilliges Denkmal.
Die Lennon-Mauer sorgt für Diskussionen
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John Lennon
Beatle John Lennon war bereits zu Lebzeiten ein Idol in der Tschechoslowakei. Nach seiner Ermordung 1980 schufen Jugendliche heimlich am Velkopřevorské-Platz nahe der Karlsbrücke eine Gedenkstätte für den Musiker: Sie kritzelten "Ihr habt Lenin, lasst uns Lennon" an die ziegelbedeckte Absperrung zwischen dem Vorhof der französischen Botschaft und dem Palast des Malteserordens. Mit diesem subversiven Spruch wurde die "Lennon-Mauer" bis 1989 ein Zankapfel zwischen Dissidenten und der Obrigkeit, der Graffiti suspekt waren. Seit der politischen Wende kann hier jeder seine Parolen, Grüße oder Malereien loswerden. Am Todestag von Lennon am 8. Dezember gedenken hier Dutzende Fans mit Gitarren, Kerzen und Rotwein ihres Idols. Mitte 2000 strich zwar die Künstlergruppe Rafani das Bauwerk grün an, um damit "gegen die Innenpolitik zu protestieren". Doch mittlerweile prangen längst wieder Hunderte Sprüche auf dem Putz. Im Dezember 2003 verewigte sich sogar Lennon-Witwe Yoko Ono.
Straßenmusiker in Prag
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Improvisation
"Prag, offene Stadt" - das gilt vor allem für Prags Musikclubs und ihre "Open-Mic"-Abende ("Offene Mikrofone"). Besser besucht als reguläre Konzerte sind in manchen Clubs die "Jam Sessions", zu denen Besucher aus aller Herren Länder kurzerhand mit ihren Instrumenten die Bühne besteigen und aus dem Bauch heraus loslegen (z. B. im Vagon, Národní třída 25). Auch auf der Straße trifft man nicht selten auf begabte Musiker. Es muss ja nicht immer "Yesterday" auf der Karlsbrücke sein.
Filmszene
Wenn eine Filmgesellschaft eine Großstadt der 1930er-Jahre als Kulisse sowie gut ausgebildete, technisch versierte und kostengünstige Mitarbeiter benötigt, ist sie im "Hollywood an der Moldau" genau richtig. So nannte im Frühjahr 2005 das US-Magazin "Variety" Prag, als sich hier Roman Polanski ("Oliver Twist"), Josef Vilsmaier ("Der letzte Zug") und Edward Norton ("Der Zauberer") gleichzeitig zu Dreharbeiten aufhielten.
Mit dem Barrandov-Areal, das die Vorfahren von Expräsident Václav Havel bauten, besitzt Prag dabei ein modernes Logistikzentrum mit zahlreichen Studios. Und der historische Kern stand schon 1984 beim wohl berühmtesten Mozartstreifen aller Zeiten Pate - bei "Amadeus" von Miloš Forman. Der 1932 in Čáslav geborene Regisseur ("Hair", "Einer flog über das Kuckucksnest") gehörte in den 1960er-Jahren zu den Hoffnungsträgern des tschechischen Films und emigrierte nach dem Prager Frühling in die USA. Internationale Berühmtheit erlangten aber auch Jiří Menzel ("Liebe nach Fahrplan") und Jan Svěrák ("Kolya"), die beide oscardekoriert sind. Und als das sozialistische Regime politische Streifen verbot, drehten die tschechischen Celluloidkünstler mit zum Beispiel "Pan Tau" und "Die Besucher" hochwertige Unterhaltung für große und kleine Kinder.
Aufs Pferd! Aufs Pferd!
Immer mehr Tschechen machen es ihrem Schutzpatron Wenzel nach, der am Kopf des Wenzelsplatzes über sein Volk wacht, und setzen sich aufs hohe Ross. Reiten wird beliebter in Böhmen und Mähren, und auch in Prag haben sich längst moderne Ställe mit erzogenen Vierbeinern und qualifiziertem Personal etabliert - vergessen Sie den Zuckerwürfel oder den Apfel zur Belohnung nicht (zum Beispiel Reitstall SA-KO, Božanovská, oder Jezd.spol., Vinoř-Ctěnice).