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Stadtgeschichte

Die Stadt an der Moldau
Die Stadt an der Moldau
© M-I-W / pixelio.de
Es klingt kurios wie vieles in Prag: Die Stadt an der Moldau hat mit ihrem Namen im Grunde wenig zu tun. Praha heißt auf deutsch Schwelle und bezeichnete jene Stelle, an der der Fluss am leichtesten zu überqueren war - die Furt also, und nicht die wenigen Siedlungen, die damals an den Ufern der Moldau standen. Doch als diese zur Stadt wuchsen, ging der Name auf den wichtigen Handelsplatz über.

Stadt am Fluss

Der Bau der Judithbrücke, der Vorgängerin der Karlsbrücke, im Jahr 1158 markiert einen wichtigen Punkt in der Beziehung zwischen Stadt und Fluss. Der erste steinerne Brückenschlag über die Moldau, unter Karl IV. durch die später so genannte Karlsbrücke ersetzt, bildete jahrhundertelang die einzige feste Verbindung zwischen beiden Ufern - aber er trennte auch: die Burg von den Bürgern, also den Adel der Kleinseite von den Händlern in der Altstadt.

Kleine und große Sehenswürdigkeiten

Gegensätze genug gibt es auf dem Besichtigungsplan für Pragbesucher. Die kleinste Sehenswürdigkeit ist das Jesuskind - eine Wachsstatue von Weltruhm. Vor 400 Jahren bekam Polyxene von Lobkowitz die 45 cm große Renaissancefigur als Hochzeitsgeschenk aus Spanien. Als ihr Mann starb, schenkte sie das Prager Jesuskind dem Karmeliterorden, der es in seiner "Kirche der Siegreichen Jungfrau Maria" auf der Kleinseite ausstellte. Wallfahrer stifteten ihm über die Jahrhunderte 45 Kleider, manche davon sind mit Perlen und Diamanten bestickt.
Jan Zizka Monument auf dem Vítkov-Hügel
Jan Zizka Monument auf dem Vítkov-Hügel
© André Müller / www.fotowald.de
Am anderen Ende der Skala gibt es die größte in Bronze gegossene Reiterfigur der Welt zu besichtigen - der Hussitenführer Jan Zizka steht weithin sichtbar auf dem Vítkov-Hügel vor der nationalen Gedenkstätte. Hier lieferten sich vor 600 Jahren die Hussiten unter Führung des einäugigen Zizka eine bedeutende Schlacht mit den Kreuzrittern. "Wo in anderen Städten Grundwasser fließt, hat Prag Blut", fasste ein Historiker die Geschichte der Stadt einmal zusammen. 1419 begannen mit dem ersten Prager Fenstersturz die Hussitenkriege, und der zweite Fenstersturz war 1618 der Auftakt des Dreißigjährigen Kriegs. Nachdem zwei katholische Adlige wortwörtlich aus der Prager Burg hinausgeworfen worden waren, begann ein Religionskrieg, den die Tschechen bitter bezahlen mussten. Als 1648 der Westfälische Friede geschlossen wurde, waren Böhmens Städte zerstört und die Bevölkerungszahlen halbiert.

Kriege und Revolutionen

Mehr als drei Jahrhunderte später läutete der Einzug von Hitlers Truppen in Prag im März 1939 den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs ein, und im August 1968 zerstampften die Panzerketten des Warschauer Pakts den "Prager Frühling" und damit für lange Zeit die Demokratiebewegungen in Ostmitteleuropa. Doch auch positive Signale gingen von Prag aus, beispielsweise mit der Gründung der ersten Universität Mitteleuropas durch Karl IV. 1348. Um 1600 galt der Hof von Rudolf II. mit den Gelehrten Johannes Kepler und Tycho Brahe als eine Hochburg der Naturwissenschaften. Und im November 1989 schließlich führten die unblutigen Massendemonstrationen der "Samtenen Revolution" zum Rücktritt der sozialistischen Regierung.

Prager Frühling

Bei diesem Begriff denken heute die meisten Prager eher an das gleichnamige internationale Musikfestival als an die Reformbewegung der 1960er-Jahre. Aber ohne den Versuch der damaligen Parteiführung um Alexander Dubcek, in der Tschechoslowakei einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen, wäre die Geschichte des Ostblocks anders verlaufen. Dubcek hatte offen mit dem Regime in Moskau gebrochen, als er innenpolitisch die Zensur für Presse und Künstler aufhob und außenpolitisch zarte Bande mit dem Westen knüpfte. Nach mehreren Warnungen marschierten in der Nacht zum 21. August 1968 Truppen aus den verbündeten Warschauer-Pakt-Staaten in der Tschechoslowakei ein und beendeten den "Frühling" mit einer Eiszeit, die 21 Jahre dauern sollte. Offiziell wurde der Überfall als Versuch erklärt, einen Bürgerkrieg verhindern zu wollen, und die westlichen Staaten scheuten aus Angst vor einer internationalen Eskalation eine Intervention. Der 1992 gestorbene Alexander Dubcek musste als Hilfskraft in der Slowakei arbeiten, andere Intellektuelle gingen ins westliche Exil.
Obwohl der Prager Frühling keines seiner Ziele wirklich erreichen konnte, gilt er neben dem Arbeiterprotest in der DDR 1953, dem Aufstand in Ungarn 1956 und der polnischen Solidarnosc-Bewegung in den 1980er-Jahren als Meilenstein im Streben nach Freiheit und Mitbestimmung in Osteuropa.
Charakteristische Architektur am Kreuzherrenplatz
Charakteristische Architektur am Kreuzherrenplatz
© Heinz Albers / www.heinzalbers.org

Architektur

Skrupellos trampelten Habsburger, Faschisten und Kommunisten in Prag auf den Menschenrechten herum, aber an eine Vorschrift traute sich kein Regime: an das Baugesetz von 1886, das eine Beschränkung auf fünf Stockwerke vorsieht und noch heute gültig ist. Damals hatte die Moldaumetropole bereits einen fünf Jahrhunderte langen Städtebau hinter sich, der um 1350 mit dem Bau der Neustadt (Nove Mesto), des Veitsdoms und der Karlsbrücke durch Kaiser Karl IV. entscheidend beeinflusst worden war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Prag dann neben Berlin, Paris und Wien ein Schnittpunkt der städtebaulichen Avantgarde: Adolf Loos entwarf im Stadtteil Stresovice seine Villa Müller, Joze Plecnik entwickelte Gestaltungselemente für den Hradschin, Le Corbusier und Walter Gropius kamen zu Studienaufenthalten. 
Als scharfen Kontrast dazu schuf der Sozialismus nach 1948 gesichtslose Straßenzüge ohne Rücksicht auf das städtische Gefüge. Die Siedlungen am Stadtrand und die Autobahn am Kopf des Wenzelsplatzes sind schlimme Bausünden. Der Bedarf an Kreativität wird seit 1990 nachgeholt, wenn auch nicht überall mit gelungenen Objekten: Während Frank Gehry und Vlado Milunic mit ihrem "Tanzenden Haus" Begeisterungsstürme hervorriefen, rümpfen die Prager über das Hotel Don Giovanni nur die Nase. Es ist diese Mischung, die die Prager Architektur einmal verschnörkelt zusammengewürfelt, dann wieder verspielt und kulissenartig, anderswo brutal sachlich erscheinen lässt.
 
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