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Stadtspaziergänge

Der nostalgische Hauch der Prager Passagen
Die auf mittelalterlichen Fundamenten ruhenden Bauten ziehen sich in die Tiefe und bieten Durchgänge von beträchtlicher Länge. Zwei Stunden sollte man für den Gang durch die engen Häuserfronten schon einplanen.
"Der Fremde geht durch Straßen, der autochthone Bürger benutzt das Durchhaus, wenn es ihm den Weg verkürzt, oder wenn er seiner Frau vom Lande mit dem Kennen großstädtischer Lokalgeographie imponieren will", schrieb Egon Erwin Kisch 1920. Prag ist nicht gerade berühmt für seine Durchhäuser - wenige wissen von ihrer Existenz. Sicherlich standen bei der Entstehung die Passagen in Mailand oder Paris Pate, und vielleicht gibt es andernorts prunkvollere, aufwändigere Schneisen durch das urbane Dickicht. Doch die steinernen Adern der Moldaustadt sind etwas Besonderes: Sie wirken bizarr in ihrer Antiquiertheit, mit dem nostalgischen Hauch vergangener Zeiten.
Lucerna-Passage
Lucerna-Passage
© www.lucerna.cz
Der Ausgangspunkt für einen Spaziergang durch die Prager Mittelwelt liegt direkt am Wenzelsplatz: Es ist der Eingang zur Lucerna-Passage (Štěpánská 61). Der erste Eisenbetonbau Prags wurde zwischen 1907 und 1921 von Vácslav Havel errichtet, dem Großvater des langjährigen Präsidenten. Der Palast beherbergt in verzweigten Flügeln Kinos, Geschäfte und Gaststätten; im Souterrain befindet sich zudem ein Ballsaal, in dem Karel Gott seine Weihnachtskonzerte gibt. Am besten lässt sich das Treiben in der Passage durch die großen Scheiben des Lucerna-Cafés beobachten (im Vorraum des Kinos im ersten Stock). Für Technikliebhaber sei auf einen der letzten Prager Paternoster hingewiesen, der sich gleich rechts am Eingang der Passage befindet.
Verlässt man die Lucerna an der Vodičková-Straße, führt gleich gegenüber der Eingang in die Světozor-Passage (Vodičková 39). Das konstruktivistische Haus wurde 1928 erbaut und erfreut sich wegen der Eisdiele Světozor großer Beliebtheit. In der Passage befindet sich auch ein Laden für Briefmarkensammler. Gleich um die Ecke liegt wie ein verborgenes Paradies der Franziskanergarten. In der 1950 angelegten Großstadtoase mit ihren statuengeschmückten Brunnen verbringen viele Prager ihre Mittagspause. Der Kiesweg führt am Fragment der gotischen Maria-Schnee-Kirche vorbei zum Jungmannovo náměstí (Jungmann-Platz).
Die Kirche war im Jahr 1379 begonnen worden und sollte dreischiffig mehr als 100 m lang sein. Damit hätte das Gotteshaus den heutigen Jungmannovo náměstí ganz eingenommen. An der Statue des slawischen Philologen Josef Jungmann (1773-1847) vorbei, der dem Jungmannovo náměstí seinen Namen gab, geht es in die Adria-Passage (Jungmannova 35). Das spätkubistische Gebäude im Stil venezianischer Renaissancepaläste wurde 1924 als Sitz einer Versicherungsgesellschaft errichtet und enthält neben Geschäften ein exzellentes Restaurant mit Terrasse und ein Theater. Früher war hier das berühmte Schwarzlichtheater Laterna magika ansässig. Die Fassade schmücken Skulpturen und eine Sonnenuhr der renommierten Bildhauer Otto Gutfreund und Bohumil Kafka. Besonders auffällig ist die Seefahrtsstatue von Jan Štursa (1924). Das Adria-Palais erinnere an eine üppige Hochzeitstorte und bildet einen scharfen Kontrast zum funktionalistischen ARA-Haus gegenüber, schrieb ein Architekturführer einmal. Am Ausgang stößt man auf die Národní třída (Nationalstraße) und kehrt damit in den Trubel der Großstadt zurück.
Platýz-Hof
Platýz-Hof
© Czech Tourism
Doch nur 100 m die Straße hinunter, auf der Gegenseite, führt hinter dem Haus Nr. 37 ein schmaler Gang über den Platýz-Hof zum Uhelný trh (Kohlenmarkt). Das Platýz war in der Mitte des 13. Jahrhunderts an der Stelle der Stadtmauer erbaut worden (Reste davon befinden sich im Keller) und diente nach einem Umbau Mitte des 19. Jahrhunderts als eins der ersten Mietshäuser Prags. 1846 trat hier auch Franz Liszt auf (Gedenktafel am Tor zum Uhelný trh). In der benachbarten Kirche St. Martin an der Mauer reichten Hussiten 1419 erstmals den Kelch mit Messwein auch den Gläubigen und stellten sich damit gegen die Kirche. Der Uhelný trh wurde erst im Winter 1998/99 nach umfangreichen Restaurierungen in seiner jetzigen Form eröffnet. Im Haus Nr. 420 wohnte 1787 Wolfgang Amadeus Mozart - eine Gedenktafel erinnert daran. Aus seinem Fenster konnte der Meister die Köhlerei sehen, die bis 1807 in der Mitte des Platzes stand. Heute steht dort der Wimmer‘sche Brunnen. Der Bildhauer Frantisek Xaver Lederer schuf das klassizistische Werk mit Allegorien des Wein- und Gartenbaus 1797 für den Mäzen Jakob Wimmer, der es der Stadt schenkte. Nach der Umgestaltung der Národní třída stellte man den Brunnen 1951 hier auf.
Am Uhelný trh endet dieser Spaziergang. Zum Entspannen bietet sich die nahe Bierkneipe U dvou koček (Zu den Zwei Kätzchen) unter den Arkaden an. Und wer nun noch nicht genug hat von den Durchhäusern, der sei verwiesen auf die Jalta-Passage und das Koruna-Palais an Kopf und Fuß des Wenzelsplatzes.
Schon ganz schön alt: die Neustadt des Kaisers
Seit Karl IV. diesen Stadtteil 1348 anlegen ließ, ist natürlich einiges verändert worden. Geblieben ist jedoch eine Mischung aus Bürgerviertel und pompöser Wohnstatt statusbewusster Kaufleute - gut zu sehen in etwa drei Stunden.
Antonín Dvořák Museum
Antonín Dvořák Museum
© Czech Tourism
Die Zeitreise beginnt am Museum des Nationalkomponisten Antonín Dvořák (1841 bis 1904). Das barocke Lustschloss (Ke Karlovu 20) wurde 1712 von Kilian Ignaz Dientzenhofer entworfen und trägt den Namen "Amerika" - wegen der Zeit, die Dvořák am Konservatorium in New York verbrachte (1892-95). Das Museum zeigt das Arbeitszimmer Dvořáks mit zahlreichen Dokumenten.
Gleich um die Ecke (Na bojišti) steht eine Art Museum für einen anderen großen Prager: den guten Soldaten Schwejk. In der Bierstube U kalicha (Beim Kelch) zechte der Soldat Josef Schwejk regelmäßig mit seinen Kumpanen. So zumindest will es der Autor Jaroslav Hašek in seinem Buch. Er gehörte selbst zu den Stammgästen im "Kelch", dessen Wände die berühmten Schwejk-Illustrationen von Josef Lada zieren.
Folgt man der Kateřinská-Straße Richtung Moldau, durchquert man ein parkähnliches Krankenhausareal. Das Spätempiregebäude im Zentrum entstand 1787, in den folgenden Jahren wurde es um Gärten und Anbauten erweitert. Das Gelände ist heute so etwas wie eine "Stadt in der Stadt".
Am Ende des eindrucksvollen Grundstücks steht Prags viel besuchter Botanischer Garten (Benátská 2). Hier finden entsprechend der Jahreszeiten Ausstellungen von blühenden Kaktusarten oder anderen Pflanzen und sogar von exotischen Vögeln statt. Das weitläufige Freigelände mit den zahlreichen Gewächshäusern besteht seit 1845 und ist der Nachfolger eines Gartens, den ein Botaniker aus Florenz auf Wunsch Karls IV. anlegte.
Auf dem Weg zur Moldau befindet sich an der Svobodova-Straße der ehemalige Bahnhof Vyšehrad. Die stillgelegte Station ist ein Musterbeispiel für Art déco und Prager Jugendstil.
Das Emmaus-Kloster von der Moldau aus gesehen
Das Emmaus-Kloster von der Moldau aus gesehen
© Czech Tourism
Ein Stück moldauabwärts (Rašínovo nábřeží) ragt auf der rechten Seite das Emmaus-Kloster mit der anliegenden Kirche empor, die zu den bedeutendsten von Karl IV. errichteten Bauten gehört. Das Kloster war 1347 für slawische Benediktinermönche gegründet worden. In seinem Baustil spiegelt sich die ganze Geschichte der Neustadt: Zwischen 1636 und 1880 wurde das Kloster zunächst barockisiert, dann wieder regotisiert; im 20. Jahrhundert schließlich stattete man das Dach mit einer Schalenkonstruktion aus Stahlbeton in Form gekreuzter Flügel aus - eine gewagte Lösung. Im Kreuzgang befinden sich gotische Wandmalereien.
Folgt man nun der Straße Na Morán, gelangt man schließlich zum Prunkstück der weitsichtigen Stadtplanung von Karl IV.: zum Karlsplatz. Der größte Platz Prags (350 mal 150 m) wurde lange Zeit als Viehmarkt genutzt und dient heute eher als Park. An der Südseite (Nr. 40) steht das Fausthaus, in dem Ende des 16 Jahrhunderts der Alchimist Edward Kelley wohnte.
Der Petřín-Hügel: grüner Fluchtpunkt für Stadtmüde
Früher beackerten die Prager auf diesem Hügel Weinberge und Steinbrüche. Heute ist der Petřín ihr Lieblingsort für einen etwa zweistündigen Sonntagsausflug.
Kinský Palast
Kinský Palast
© Rémi Diligent
Der Spaziergang beginnt am Náměstí Kinských (Kinský-Platz). Von dort führen hundertjährige Bäume zu einer ausgedehnten Rasenfläche, die bereits 1825 angelegt wurde. Am oberen Ende steht das Kinský-Lustschloss. Hinter diesem eindrucksvollen Empiregebäude erinnern eine walachische Glockensäule und, ein Stück weiter im Park, eine Holzkirche an mährische Volkskunst.
Den Weg zum Gipfel des Hügels säumt die gotische Hungermauer aus dem Jahr 1360. Der Sage nach hat Karl IV. sie als Teil der Stadtbefestigung nach einer Missernte bauen lassen. Tausende von Hungernden fanden so Arbeit, bekamen als Lohn Lebensmittel aus den königlichen Vorratskammern und wurden so gesättigt.
Der
Der "Eiffelturm" auf dem Petřín
© Czech Tourism
Vom 63,5 m hohen Eiffeltürmchen haben Sie einen phantastischen Blick über die Stadt. Die 1891 errichtete Eisenkonstruktion mit ihren 299 Stufen ist tatsächlich eine Kopie des Pariser Originals. Im gleichen Jahr wurde das benachbarte Spiegelkabinett angelegt. Darin befindet sich auch ein 90 m² großes, dreidimensionales Schaubild, das den Kampf der Prager Studenten gegen schwedische Truppen auf der Karlsbrücke im Jahr 1648 zeigt.
Vom Kamm des 327 m hohen Petřín gibt es mehrere Abstiegsmöglichkeiten: Entweder geht man an einem Kreuzweg vorbei in Richtung Vlašská-Straße, oder man folgt einem Spazierweg durch die Hungermauer zum Růžový sad (Rosengarten). Viele wählen jedoch die nahe gelegene Standseilbahn, die 511 m hinunter zur Straßenbahnstation Újezd führt. Jahrzehntelang war die futuristische Bahn mit dem etwas verstaubten Antrieb die einzige funiculaire der Stadt. Doch seit 1996 überwindet auch hinter dem Mövenpick-Hotel eine Standseilbahn den Höhenunterschied. Die sanfte Fahrt vom Petřín ist ein Erlebnis und der Blick aus der Kabine über die historische Altstadt wunderschön. Aber auch wer den Abstieg in Richtung Vlašská-Straße wählt, wird mit einem Blick auf einen Ort der Geschichte belohnt. Am Fuß des Petřín-Hügels steht nämlich das Lobkowicz-Palais, in dem seit 1975 die deutsche Botschaft in Prag untergebracht ist. Im Herbst 1989 flüchteten sich Tausende DDR-Bürger auf das Gelände und erreichten so ihre Ausreise. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang der Auftritt von Hans-Dietrich Genscher am 30. September 1989. Der damalige Bundesaußenminister verkündete vom hinteren Balkon den in einer Zeltstadt lebenden Flüchtlingen in einer bewegenden Ansprache ihre Ausreiseerlaubnis. Im Garten der Botschaft erinnert ein Werk von David Černý daran: Der Prager Künstler schuf einen Trabi mit Beinen. Die deutsche Vertretung in Prag hat aber nicht erst 1989 als Anlaufpunkt für DDR-Bürger Schlagzeilen gemacht: Fünf Jahre zuvor war die Nichte von Ministerpräsident Willi Stoph in den dreistöckigen Barockbau geflüchtet, um in den Westen auszureisen.
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