Der Sage nach haben die Zwillinge Romulus und Remus, Kinder des Mars mit der Vestalin Rhea Silvia, die Stadt Rom gegründet. Nach ihrer Geburt auf dem Tiber ausgesetzt, wurden die beiden angeblich von einer Wölfin gesäugt und dann von einem Hirten aufgezogen. Als Siedlungsort für sich und ihr Gefolge, die Latiner, wählten sie das Gebiet zwischen den berühmten sieben Hügeln. Romulus tötete schließlich seinen Bruder Remus im Streit um die Herrschaft über die neugegründete Stadt. Weil den Latinern außerdem Frauen zur Bevölkerung Roms fehlten, raubten sie die Frauen vom Stamm der Sabiner.
Wer Rom entdecken will, muss auf die Piazza gehen. Sie ersetzt den Römern den salotto, die gute Stube, denn viele wohnen laut und scheußlich an der Peripherie oder eng auf eng bei der Schwiegermutter. Aber die Piazza ist das Leben: Markt, Jahrmarkt, Schwatzbörse, Demonstrations- und Andachtsort, Richtstätte des guten Geschmacks und Circus Maximus der Eitelkeit, wo die Italiener ihrer kostenlosen Lieblingsbeschäftigung nachgehen und "bella figura" machen. Das heißt, mit unnachahmlicher Eleganz, dem banalen Alltag enthoben, herumstehen und nebenbei ein Auge auf ansehnliche Touristinnen werfen.
Was tut da der schöne Mann mit dem eleganten Tropenhelm und weißen Stulpen mitten im Chaos auf der tosenden Piazza Venezia? Die Hüfte hat er leicht gebeugt, den Arm angewinkelt, die Hand wie Michelangelos Adam ausgestreckt. Ein Karajan in Uniform. Wird jetzt gleich die Geige schluchzen, die Pauke dröhnen, das Orchester einsetzen zur 9. Symphonie? Troommh! Nur ein disharmonisches Röhren der Autos, Knattern der Mopeds, Rasseln der Busse. Alle fahren gleichzeitig, und schon ist die Piazza wieder verstopft. 50 Verstöße trotz neuer italienischer Straßengesetze, armer Verkehrsdirigent.
"Ich mag den Spruch einer alten Römerin: Inmitten dieser 3000 Jahre sind meine Sorgen klein."
Autorin Eva-Maria Kallinger kennt "ihre" Stadt in allen Facetten.