Lebensart
Schönheit im Chaos
Was tut da der schöne Mann mit dem eleganten Tropenhelm und weißen Stulpen mitten im Chaos auf der tosenden Piazza Venezia? Die Hüfte hat er leicht gebeugt, den Arm angewinkelt, die Hand wie Michelangelos Adam ausgestreckt. Ein Karajan in Uniform. Wird jetzt gleich die Geige schluchzen, die Pauke dröhnen, das Orchester einsetzen zur 9. Symphonie? Troommh! Nur ein disharmonisches Röhren der Autos, Knattern der Mopeds, Rasseln der Busse. Alle fahren gleichzeitig, und schon ist die Piazza wieder verstopft. 50 Verstöße trotz neuer italienischer Straßengesetze, armer Verkehrsdirigent.
Circus Maximus
© Tom Corser
Doch wenn Sie das Verkehrschaos wie alle Römer mit der nötigen "pazienza", Geduld, ertragen und endlich auf der wunderbaren Piazza Navona sitzen, der Kellner Ihnen mit elegantem Schwung den cremigen Cappuccino mit dem obligaten Glas Wasser serviert, dann werden Sie merken, dass das chaotische Rom doch erste Sahne ist. Und dass sich in den letzten Jahren auch vieles verbessert hat. Seit Barockbaumeister Gianlorenzo Berninis Zeiten war das historische Zentrum nicht mehr so herausgeputzt. Abgasgeschwärzte Fassaden erstrahlen wieder in frischen Farben, im Kolosseum und im Circus Maximus gibt es stimmungsvolle Popkonzerte, die Galleria Borghese ist nach 17-jähriger Restaurierung aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht. Aphrodite und andere göttliche Skulpturen residieren endlich wieder standesgemäß in den neuen Antikenmuseen Palazzo Altemps und Palazzo Massimo. Das Foro Romano, das Herz der Antike, steht nun allen Römern zum Lustwandeln offen, und an manchen Sonntagen sind die Via dei Fori Imperiali und die Via Appia Antica ein autofreies Fußgängerparadies. Wunderbares Rom!
Fontana del Tritone / © mit freundlicher Genehmigung von APT - Rome
Rom bietet 3000 Jahre Geschichte, verewigt in berühmten Werken wie der 77. kapitolinischen Kaiserbüste, dem Kolosseum, Michelangelos Moses oder Berninis Tritonenbrunnen. Tränen werden Ihnen - vor Erschöpfung - fließen beim Anblick der verschlungenen Laokoongruppe bei Kilometer 5,5 in den Musei Vaticani, den größten der Welt. Der Atem wird Ihnen stocken vor Schönheit und Gedränge in den Stanzen von Raffael. Die Massen haben ein Recht auf die Sixtinische Kapelle, schrieb Ingeborg Bachmann, zumal jetzt, wo Michelangelos Schöpfungsgeschichte und das "Jüngste Gericht" im restaurierten Glanz erstrahlen.
Mode
Viele Touristen werden magisch vom Modeviertel zwischen der Via del Corso, der Spanischen Treppe und der Via Tritone angezogen, einer Art Bermudadreieck, wo Sie beim stilvollen Kaufrausch in den Boutiquen von Armani bis Zegna flugs Ihr Geld loswerden. Für die jugendlichen und nicht so finanzstarken "ragazzi" hat sich auf der Via del Corso ein eigenes Klamottenparadies mit Discount und Diskosound etabliert, wo man von der feschen Lederjacke über Jeans und Skates bis zur Federboa alles kaufen kann.
Papagalli und Paparazzi
Laut Lexikon hat "papagallo" drei verschiedene Bedeutungen: a) Papagei, b) Uriniergefäß, c) aufdringlicher Verehrer. Letztere erlangten in den 1960er-Jahren in Rom VIP-Status, denn jedes hübsche, blauäugige Nordlicht wollte es damals in der Praxis wissen, was die Illustrierten genüsslich verbreiteten: dass leidenschaftliche "latin lover" an der Spanischen Treppe lauerten, unnachahmlich "ciao bella" und "ti amo" hauchten und sich als Stadt(ver)führer anböten. Man sollte die Verdienste der "papagalli" um die europäische Vereinigung nicht zu gering einschätzen - den wirtschaftlichen Nutzen auch nicht: Manch ein blendend aussehender "ragazzo" hat sich mit einer blonden "amore" sein Studium finanziert.
"Papagalli" und "paparazzi" - also Frauen- und Promijäger - haben eigentlich wenig gemeinsam, außer dass sie beide der Phantasie des genialen Federico Fellini entsprungen sind. Im Film "La Dolce Vita" erleben der Journalist Marcello (Mastroianni at his best) und sein Fotograf namens Paparazzo auf der Via Veneto ihr blaues Wunder, meistens in Form von Prügeln eines Lex Barker. Mastroianni ging bekanntlich baden, und das Schimpfwort "Paparazzo" für Schmeißfliegenfotografen war geboren. "Paparazzi" und "papagalli" aber jagen noch heute scharfen Bildern und ansehnlichen Touristinnen nach, denn "ohne die Liebe wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom". (Johann W. Goethe)