Stadtbild
Piazza di Spagna / © www.aboutpixel.de
Wer Rom entdecken will, muss auf die Piazza gehen. Sie ersetzt den Römern den salotto, die gute Stube, denn viele wohnen laut und scheußlich an der Peripherie oder eng auf eng bei der Schwiegermutter. Aber die Piazza ist das Leben: Markt, Jahrmarkt, Schwatzbörse, Demonstrations- und Andachtsort, Richtstätte des guten Geschmacks und Circus Maximus der Eitelkeit, wo die Italiener ihrer kostenlosen Lieblingsbeschäftigung nachgehen und "bella figura" machen. Das heißt, mit unnachahmlicher Eleganz, dem banalen Alltag enthoben, herumstehen und nebenbei ein Auge auf ansehnliche Touristinnen werfen.
Blick auf die Piazza Navona
© mit freundlicher Genehmigung von APT - Rome
In Rom gibt es für jeden die passende Piazza. Mag Papst Benedikt XVI. über dem größten, pompösesten und fotogensten Platz, dem Petersplatz, wohnen und thronen - für die meisten Römer ist die Piazza Navona einer der beliebtesten Treffpunkte: lang gestreckt und doch geschlossen, lebhaft, farbig und doch intim. Dabei ist auch diese barocke Bühne weltlicher Lustbarkeiten ein Werk der Päpste - wie viele der dekorativsten Plätze und Straßen in Rom. Auf dem Grundriss des antiken Wettkampfstadions von Kaiser Domitian (86 n. Chr.) ließ Papst Innozenz X. im 17. Jh. den barocken "circo agonale" (griechisch: agon = Wettkampf) bauen, den die Römer zu "Navona" verballhornten. Patrizier und Kirchenfürsten vergnügten sich von den Fenstern ihrer Paläste aus an wilden Kampfspielen. Wo Sie heute über den Platz schlendern, rasten früher die Pferde wie beim Palio von Siena im Kreis, tobten die Stierkämpfe nach klassischem Vorbild.
Wenn Sie lange genug verweilen, reiten auch die zwei "carabinieri", meist ein schöner Mann und ein Bild von einer Frau, kein Stäubchen an der Polizeiuniform, auf glänzenden Füchsen vorbei. Der Pferdeschwanz der Dame, Ton in Ton mit dem Reitpferd, wippt hinterher. Die Piazza ist dazu da, um "bella figura" zu machen!
Vielleicht zieht es Sie mehr zu den kulinarischen Genüssen auf dem Campo de‘ Fiori, dem buntesten Fress- und neuerdings auch Kleidermarkt Roms. Blumen gibt es hier auch, aber vorherrschend ist der Duft von Orangen, Fisch und Meeresfrüchten. Um den Campo de‘ Fiori und in den umliegenden Gassen lässt es sich in zahlreichen Restaurants gut sitzen und speisen.
Auf der nächtlichen Piazza della Rotonda vor dem Pantheon treffen sich die römische Schickeria, Stars, Sternchen, Politiker und sonstige Vips in schwarzem Hemd und weißem Sommerleinen, während sich die Schüler und Studenten, junge Vespafahrer und ihre Motorradbräute aus den Betonburgen der Vororte, in der Via del Seminario mit "panini" (Brötchen) und "tramezzini" (Sandwich) eindecken und sich dann an den Brunnen vor dem Pantheon setzen.
Auch die kleinen Plätze in Roms größtem Dorf Trastevere, also jenseits des Tiber, lohnen nicht nur zu einem Trattoriabesuch am Abend. Selbst wenn Trastevere seit den 1950er-Jahren künstlich herausgeputzt wurde und viel von seiner Patina verlor, es finden sich noch immer lauschige Ecken mit plätschernden Brünnlein, gescheckte Katzen, die auf den Mauern und Mülltonnen Siesta halten und alte Leute, die in lauen Sommernächten in Bademantel und Pantoffeln vor ihren Haustüren sitzen und plaudern.
Und auf welchen Plätzen wandelt das geistliche Rom? Gleich hinter dem Pantheon, zwischen der efeuumrankten Piazza dei Caprettari und der Piazza di Minerva, wo ein kleiner Elefant einen viel zu großen Obelisken trägt, und in der Via dei Cestari. Hier liegt der Showroom der geistlichen Mode. In den gediegenen Geschäften gibt es einfach alles, was das fromme Herz begehrt: von lilafarbenen Bischofsroben über graue und dunkelblaue Dessous für Schwestern bis zu formschönen Kutten und goldenen Kruzifixen.
Und das moderne Rom? Zeitgenössische Architektur tut sich schwer in der Ewigen Stadt. Das bekam auch der New Yorker Architekt Richard Meier zu spüren, der 2003, nach etlichen Dramen und mit vierjähriger Verspätung, seine lichte Glaskirche "Dives in Misericordia" vollenden konnte - im Stadtrandviertel Tor Tre Teste, wo sie niemand beachtet. Schwer kämpfen musste Meier um seinen Prestigeauftrag, das neue Museum für den Ara Pacis, den Friedensaltar von Kaiser Augustus, durchzuziehen.
Auch Zaha Hadid, die renommierte irakische Architektin, kommt mit ihrem Projekt "Maxxi", dem Museum für zeitgenössische Kunst, nicht voran: Hier herrscht ebenfalls Stille hinterm Bauzaun. Nur das futuristische "Auditorium Parco della Musica" von Baumeister Renzo Piano, das nach jahrelangen Pannen endlich vollendet wurde, begeistert Musikfreunde aus aller Welt.