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Projekt Mose

Rettung einer sinkenden Stadt

Touristen balancieren über schmale Stege
Touristen balancieren über schmale Stege
© Mario Fletzer / provincia.venezia.it
Mehrmals im Jahr wird Venedig vom Adriahochwasser überschwemmt. Touristen und Einheimische erweisen sich in diesen Zeiten als wahre Drahtseilartisten, die über kleine Stege zu den Hotels, Geschäften und Restaurants balancieren müssen. Die Venezianer haben über die Jahrhunderte gelernt, mit dem Hochwasser umzugehen und stehen ihrem "Acqua alta" eigentlich gelassen gegenüber. Doch in den letzten Jahren sind Häufigkeit und Intensität der Überschwemmungen weit über das übliche Maß gestiegen.
Laut Expertenmeinung liegt es an drei Faktoren, warum die Lagunenstadt mit dem gefürchteten Hochwasser zu kämpfen hat. In den 50er Jahren wurde von der umliegenden Industrie sehr viel Grundwasser abgepumpt. Die Folge war, dass sich die Fundamente der Stadt um mehr als 20 Zentimeter absenkten. Gleichzeitig steigt der Lagunenboden durch die Ablagerungen kontinuierlich an. Und zu guter Letzt macht sich auch in Venedig die Problematik der Klimaerwärmung bemerkbar. Der Anstieg des Meeresspiegels hinterlässt seine Spuren und die Kanäle können die Wassermassen in Zukunft nicht mehr bewältigen.
 
Der Markusplatz unter Wasser
Der Markusplatz unter Wasser
© Servizio di Videocomunicazione del Comune di Venezia
Die Schäden durch das Hochwasser liegen jedoch nicht nur oberhalb der Wasserlinie. Durch die zunehmenden Wassermassen verlieren auch die unter dem Wasser liegenden Fundamente an Stabilität. Das Wasser in Venedig fließt nicht nur durch die Kanäle, sondern auch durch das Fundament. Durch den so entstehenden Innen- und Außendruck auf die Fundamente, sollen diese stabil gehalten werden. Aber die vielen Überschwemmungen der Adria und der erhöhte Druck auf die tief liegenden Grundmauern der Stadt, sind im Laufe der Jahre so stark in Mitleidenschaft gezogen worden, dass diese mit der Zeit brüchig werden und der Einsturz droht.

Gigantische Schleusentore als Retter

Jetzt sollen gigantische Schleusen Venedig retten. Das von der italienischen Regierung ins Leben gerufene Projekt M.O.S.E. ("MOdulo Sperimentale Elettromeccanico" - experimentelles elektromechanisches Modul) ist ein ein Vorhaben wahrhaft biblischen Ausmaßes. 79 mobile Fluttore von etwa 20 mal 20 Metern sind von den Ingenieuren entwickelt und auf einer Strecke von eineinhalb Kilometern geplant worden. Diese sollen vor der Stadt auf dem Meeresgrund eingebettet und mit Wasser gefüllt werden. Im Falle eines eintretenden Hochwassers werden sie innerhalb einer Stunde leer gepumpt, so dass sie sich wie ein Tor aufrichten. Auf diese Weise wird die Lagune an drei Eingängen vom Meer abgeschottet und den Wellen der Adria der Weg versperrt. Ähnliche Systeme sind bereits erfolgreich in Rotterdam und an der Themse realisiert worden.

Fertigstellung

Die Bauarbeiten für dieses Mammutprojekt haben bereits im Jahre 2003 langsam begonnen, die Fertigstellung war einst für das Jahr 2011 geplant. Neue Studien errechnen den Termin der Fertigstellung frühestens 2014. Zur Zeit sind erst 60% des Vorhabens umgesetzt und nach mehreren Baustopps rückt auch der Termin in 3 Jahren in weite Ferne.
Von der Regierung und den Projektleitern wurde kürzlich schließlich Stellungnahme zu den heftigen Diskussionen genommen. Gründe für die zahlreichen Verzögerungen wurden etliche genannt. Zum einen müssen die Bauarbeiten stets abgebrochen werden, wenn schlechtes Wetter und Wellengang vorhergesagt sind, da bei diesen Bedingungen der Bau unmöglich ist. Auch die Arbeiten unter Wasser sind schwieriger umzusetzen als zuvor angenommen. Schließlich muss auch Rücksicht auf die maritimen Begebenheiten genommen werden und die Hafenarbeiten dürfen durch den Bau nicht behindert werden.
In den vergangenen Wochen (Stand: November 2011) forderten die Abgeordneten den sofortigen Baustopp des Projektes, da die Kosten enorm in die Höhe schossen und kaum noch tragbar sind. Der weitere Verlauf bleibt nun unklar.
Das Hochwasser trifft Venedig immer öfter
Das Hochwasser trifft Venedig immer öfter
© Servizio di Videocomunicazione del Comune di Venezia

Kritik am Projekt

Klimaforscher, Geologen und Umweltschützer kritisieren das Bauvorhaben jedoch erheblich. Zudem haben Vertreter der Stadtverwaltung von Venedig zugegeben, dem Bau dieses Projektes übereilt entschieden zu haben. Da die geschlossenen Schutzwälle die gesamte Lagune vom Meer abtrennen, ist kein Wasseraustausch mehr möglich. Ohne diese Strömung wird die natürliche Selbstreinigung der Kanäle empfindlich gestört, die Wasserqualität würde sich rapide verschlechtern. Klimaforscher prognostizieren, dass der Meeresspiegel in den nächsten Jahren weiter steigen und das Hochwasser Venedig noch häufiger heimsuchen wird als bisher. Im Jahre 2100 könnte der Meerespiegel sich um bis zu 50 cm angehoben haben, dann müssten die Stahlspunte fast jeden zweiten Tag zum Einsatz kommen. Durch den fehlenden natürlichen Wasseraustausch würden zudem Tiere und Pflanzen gefährdet. Die Europäische Kommission hat sich dieser Problematik angenommen und fordert von der italienischen Regierung Nachbesserung am Projekt M.O.S.E.
Die Meinungen der Venezianer zum Projekt M.O.S.E. sind gespalten. Viele Geschäftsleute, die auf Touristen als Einnahmequelle angewiesen sind, befürworten das Bauvorhaben. Aber es gibt auch viele, die befürchten, dass die zukünftig immer häufiger geschlossenen Fluttore dieser einzigartigen Stadt mehr schaden als nützen werden. Welche Auswirkungen M.O.S.E. tatsächlich haben wird, bleibt abzuwarten.
 
Weiterführende Informationen über das "acqua alta" und das Projekt "M.O.S.E." finden sie auf italienisch und englisch unter:
 
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