Freilich genügt es, ein, zwei Stunden durch das Labyrinth aus Gassen, Plätzen und Hinterhöfen zu schlendern, um zu ahnen: Hier harrt nicht bloß eine architektonisch besonders schöne, so dicht und reich wie keine zweite mit Kunstschätzen bestückte Stadt der Erkundung. Nein, hier gilt es, das weltweit wohl wundersamste Gemeinwesen, ein einzigartiges Phänomen der Zivilisationsgeschichte, mit allen Sinnen - und hoffentlich mit Muße - zu erspüren.
Niemand, der in der Lagunenstadt ankommt, sieht dieses Weltwunder zum ersten Mal: Zu oft wurde es beschrieben, besungen, auf Bildern und in Filmen dargestellt, sodass es längst Eingang in das kollektive Bewusstsein ganz Europas gefunden hat. Unvermeidlich erstehen wohl bei jedem im Geist sofort Bilder dieses von Wasserläufen durchzogenen Gespinstes aus Stein - Bilder von phantastischem Reichtum, von Macht, Schönheit und zugleich auch von Vergänglichkeit und Niedergang.
Wie viele Facetten dieses urbanistische Wunder aufweist, das pro Jahr von über 10 Millionen Besuchern aus aller Welt heimgesucht wird, zeigen die gegensätzlichen Stimmungen, in die es seine Bewohner und Gäste zu versetzen vermag. Da ist, allgegenwärtig und für zu Depressionen neigende Menschen nicht ungefährlich, seine melancholische und morbide Seite. Unweigerlich denkt man an die schwermütigen Verse von Lord Byron, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, oder an unsterbliche Thriller wie den von Patricia Highsmith über die Kälte Venedigs, dann natürlich an Daphne du Mauriers Gondeln, die Trauer tragen, und zu guter letzt an Thomas Manns, von Luchino Visconti kongenial verfilmte Novelle "Tod in Venedig".