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Dresden beeindruckt mit Kunst und Kultur. Doch es ist die Elbe, die das Lebensgefühl bestimmt.
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Lebensart

Karneval in Venedig
© Mario Fletzer / provincia.venezia.it
Wie viele Facetten dieses urbanistische Wunder aufweist, das pro Jahr von über 10 Millionen Besuchern aus aller Welt heimgesucht wird, zeigen die gegensätzlichen Stimmungen, in die es seine Bewohner und Gäste zu versetzen vermag. Da ist, allgegenwärtig und für zu Depressionen neigende Menschen nicht ungefährlich, seine melancholische und morbide Seite. Unweigerlich denkt man an die schwermütigen Verse von Lord Byron, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, oder an unsterbliche Thriller wie den von Patricia Highsmith über die Kälte Venedigs, dann natürlich an Daphne du Mauriers Gondeln, die Trauer tragen, und zu guter letzt an Thomas Manns, von Luchino Visconti kongenial verfilmte Novelle "Tod in Venedig".
Tristezza, Amore und andere Widersprüche
Eng verknüpft mit seiner viel beschworenen "tristezza" ist Venedigs Energiepotenzial als Katalysator in Liebesdingen. Desdemona und Othello, George Sand und Alfred de Musset und natürlich der unermüdliche Giacomo Casanova stehen für die oft tragischen amourösen Leidenschaften, die diese Traumstadt zu entfachen vermag. Ganz im Gegensatz zu solcher Schwermut steht freilich Venedigs alterprobte Meisterschaft im Feiern ausgelassener Feste, wie sie sich heute noch zu Zeiten des Karnevals, aber etwa auch im Hochsommer zu Redentore oder bei den vielen farbenprächtigen Regatten zeigt.
Echte Venezianerinnen
© LichtRutsche / aboutpixel.de
Seltsam widersprüchlich ist auch der, wenn man so will, biologische Zustand der Stadt: Es ist kein Geheimnis, dass Venedig zusehends vergreist. Und zwar sowohl demografisch (seine Einwohnerzahl hat sich in der letzten Generation auf rund 65 000 fast halbiert; die Jugend flieht vor Enge und Arbeitslosigkeit auf das Festland) als auch städtebaulich (sein Boden ist binnen 20 Jahren um 10 cm abgesackt; seine Bausubstanz bröckelt ohne Unterlass). Zugleich aber hat sich, vor allem in den Bezirken Dorsoduro und Cannaregio, in den letzten Jahren eine von der Außenwelt noch viel zu wenig beachtete quirlige Lokal- und Kleinkunstszene entwickelt, wobei unter den Scharen jugendlicher, erlebnishungriger Nachtvögel, die sie bevölkern, auch Tausende Gaststudenten der örtlichen Uni zu finden sind
Schließlich offenbart auch das Wesen der Venezianer merkwürdige Widersprüche. Auf Urlauber mögen die Einheimischen, insbesondere wenn sie ihnen in Person eines Kellners, Pförtners oder Gondoliere entgegentreten, oft ziemlich abgebrüht erscheinen. In dieser Touristenhochburg par excellence haben sich bei vielen Dienstleistern Geldliebe und distanzierte Routine über die Generationen nahezu genetisch eingeprägt. Andererseits aber ist Venedig, nachdem Silvio Berlusconi 2001 in Italien das politische Ruder übernahm und seine Rechtsallianz kurz darauf auch bei den Kommunalwahlen landesweit gewann, unter den Metropolen des Nordens die einzige weiterhin von "linken" Kräften regierte. Die Hafenarbeiter von Marghera und die Fischer der Laguneninsel wählen traditionell kommunistisch.
Dialekt
Die Venezianer sprechen untereinander voll Selbstbewusstsein ihren uralten Dialekt. Der erinnert teilweise an das Spanische und folgt eigenen Regeln in Aussprache, Rechtschreibung und Grammatik. So lieben es die Lagunenbewohner, lange (Orts-)Bezeichnungen zusammenzuziehen. Hinter dem Namen San Zanipolo zum Beispiel verbirgt sich die berühmte Kirche Santi Giovanni e Paolo, hinter San Zan Degola Johannes der Enthauptete - San Giovanni Decollato. Andere Charakteristika: Viele Mitlaute werden stimmhaft gesprochen, was beispielsweise aus dem amico einen amigo macht. An die Stelle der sch- und tsch-Laute tritt vielfach ein scharfes s, wodurch sich cento (hundert) in sento verwandelt. Und aus dem z wird gelegentlich ein x. Paradebeispiel: die vor vielen Trattorien auf Plakaten verheißene "cucina venexiana".
Glas aus Murano
Glas aus Murano
© Herbert Schober / pixelio.de
Marken und Mitbringsel
Die Lagunenstadt ist ein ziemlich teures Pflaster. Besonders gilt das für die Markenartikel der globalen Accessoires- und Modeindustrie, deren glitzernde Boutiquen in den Arkaden der Piazza San Marco, den so genannten Mercerie und deren Parallelgässchen zwischen Rialto und Markusplatz oder in der Calle Larga 22 Marzo die Sinne der Stadtflaneure verführen. Lederwaren sind in Venedig aber noch preisgünstiger als nördlich der Alpen zu haben. Und entlang der weniger luxuriösen Shoppingmeilen, der Lista di Spagna und Strada Nova zum Beispiel, die vom Bahnhof Richtung Rialto führen, oder auf dem Hauptgehweg zwischen Rialtobrücke und Campo San Polo findet sich auch manches schicke textile Schnäppchen.
Ungleich interessanter sind allerdings die örtlichen Traditionsprodukte - Spitzen, handbedruckte Stoffe, alte Glasperlen, handgeschöpftes oder marmoriertes Papier, ein vergoldeter Bilderrahmen, überhaupt Kunsthandwerk aller Art. Wer klassische Mitbringsel sucht, wird an einer Karnevalsmaske, an einer Vase, Karaffe oder Schale aus Muranoglas nicht vorbeikommen. Und da auch die Liebe zu dieser einzigartigen Stadt durch den Magen gehen kann, empfiehlt es sich, nicht auf kulinarische Mitbringsel zu verzichten, seien es Käse oder Schinken, Weine, Essige, Öle oder originelle Back- oder Teigwaren.
Karneval
Wenn während der letzten eineinhalb Wochen vor Beginn der Fastenzeit Zehntausende in ihren Phantasiegewändern durch die Stadt ziehen und das ganze Panoptikum der Commedia-dell'Arte-Figuren ihre Gassen und Plätze bevölkert, wirkt die Lagunenstadt wie verzaubert. Über viele Jahrhunderte ermöglichte die große Verkleidung den Venezianern, sich wenigstens für einige Zeit der strengen Kontrolle des Staates zu entziehen. Jedermann spielte verkehrte Welt. Es blieb dem Besatzer Napoleon vorbehalten, aus Argwohn, hinter den Masken würde die Konspiration gedeihen, den Mummenschanz komplett zu verbieten. Die Wiederauferstehung erfolgte erst 1979.
Seither strömen - zur großen Freude der Hoteliers, Gastronomen und Sponsoren - alljährlich im zuvor umsatzschwachen tiefen Winter - Heerscharen Vergnügungs- und Verwandlungssüchtiger aus aller Welt herbei, posieren, stelzen stolz durch die Stadt und lassen sich, so es ihre Finanzen erlauben, private Feste in Mietpalästen inszenieren. Und obwohl sich nur wenige Einheimische unter die Massen mischen und mittlerweile die Zahl der Voyeure und Paparazzi die der Maskierten vermutlich übersteigt, obwohl neben den klassischen Kostümen längst manch schnöde Maskerade Marke Mickymaus, King Kong und Biene Maja auftaucht, sind sich alle Teilnehmer einig, dass die Freude am Schau-Spiel und die einzigartige Atmosphäre die Anreise und die erhöhten Zimmerpreise allemal lohnen.
Anhänger eines romantischen Venedigbildes werden sich über die von vielen bekrittelte Unfähigkeit der Lagunenstadt, am rasenden Fortschritt der Umgebung teilzuhaben, allerdings sehr freuen. Und die Eigenheiten dieses insularen Völkchens, ihr stolzes, ein wenig sprödes Temperament, ihren seltsam melancholischen Dialekt und ihre wunderbar unzeitgemäße Aversion gegen das Automobil genießen.
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