Stadtspaziergänge
Volkstümliches Venedig
Man spaziert vom Bahnhof durch verwinkelte Gässchen und über malerische Plätze, vorbei an prachtvollen Kirchen und Bruderschaftsschulen, nach Dorsoduro, dem wohl volkstümlichsten Stadtbezirk. Wer die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auch innen besichtigen und eine Pause für einen Espresso oder ein Gläschen Prosecco einlegen will, sollte für diesen Spaziergang mindestens einen halben Tag veranschlagen
Chiesa degi Scalzi
© Gary Houston / arglist.com
Beginnen Sie dort, wo bis heute die Mehrheit der Besucher das erste Mal venezianisches Pflaster betritt: vor dem Bahnhof, jenem gesichtslosen Nachkriegsbau, dem man am besten so schnell wie möglich den Rücken kehrt. An der Chiesa degli Scalzi vorbei gelangen Sie über die gleichnamige Brücke auf das Südufer des Canal Grande. Von hier wandern Sie, den gelben Wegweisern mit der Aufschrift "Frari" folgend, erst ein schmales Gässchen und bald einen ebensolchen Kanal entlang nach Südosten.
Nach etwa zehn Minuten und mehreren Richtungsschwenks stehen Sie vor einem der grandiosesten Gotteshäuser der Stadt: Santa Maria Gloriosa dei Frari. Ihre Fassade aus roten Ziegeln ist, wie es sich für den Bettelorden der Franziskaner gehört, denkbar schlicht. Umso reicher an Kunstschätzen ist ihr Inneres. Blickfänge sind Tizians "Himmelfahrt Mariä" über dem Hochaltar, sein Marmorgrab und, vis-à-vis, die Grabpyramide des Bildhauers Antonio Canova. Nähere Beachtung verdienen aber auch das schöne Chorgestühl, das Triptychon Giovanni Bellinis in der Sakristei, Tizians Pesaro-Madonna gleich neben dem Seiteneingang sowie das Altarbild Bartolomeo Vivarinis und das Grab des Opernpioniers Claudio Monteverdi (beide in den Chorkapellen).
Unmittelbar südlich der Frari-Kirche erhebt sich ein weiteres höchst kostbares Kunstdenkmal - die Scuola Grande di San Rocco. Das Innere dieses Bruderschaftsgebäudes aus der Renaissance ist über und über mit Gemälden von Tintoretto geschmückt. Ein unvergessliches Raumerlebnis!
Ein paar Schritte zurück Richtung Frari-Eingang, dann nach rechts, über einen Kanal, und Sie gelangen - an der Kirche San Pantalon mit ihrem gigantischen, barocken Deckenbild vorbei - auf den Campo Santa Margherita. Dieses lang gestreckte Geviert ist einer der charmantesten, weil volkstümlichsten Plätze Venedigs. Es gibt einen Fisch- und einen Obstmarkt, einen Weinausschank, mehrere Bars und einen exzellenten Eissalon. Das kubische Gebäude in der Platzmitte diente einst als Gildehaus der Gerber und Färber. Kunstliebhaber sollten an der Südspitze des Campo unbedingt der Scuola Grande dei Carmini mit ihren Deckengemälden von Giambattista Tiepolo einen Besuch abstatten. Eine Stippvisite lohnt auch die dazugehörige, hübsche Kirche.
Sie folgen dem Kanal an der Rückseite der Karmeliterschule und passieren linker Hand den Palazzo Zenobio, heute ein armenisches Internat mit wunderschönem Ballsaal und Park (Läuten Sie! Manchmal wird Fremden der Eintritt spontan gewährt). Weiter den Kanal entlang, links um die Ecke und über die Brücke erreicht man den Campo Angelo Raffaele. Schräg gegenüber der dortigen Kirche serviert die charmante Trattoria (Mittwoch geschlossen) köstliche Gerichte mit San-Daniele-Schinken.
Westlich des Campo gelangen Sie ins Wohnviertel Santa Marta. Hier, in der Nähe des Hafens, zeigt sich Venedig von einer ärmlichen, aber nichtsdestotrotz reizvollen Seite. Brüchige Mietshäuser, eine längst stillgelegte Baumwollspinnerei und andere Fabrikruinen erinnern an die industrielle Vergangenheit des Viertels.
Campanile und Dogenpalast
© Carola Pohle / Pixelio.de
Retour über den Campo Angelo Raffaele und nach rechts führt der Weg nun zur prachtvoll renovierten Kirche San Sebastiano. Sie beherbergt einen großartigen Bilderzyklus Paolo Veroneses und auch dessen Grab. Zwei Gehminuten weiter südlich öffnet sich der Blick auf die weite Wasserfläche des Canale della Giudecca. Den Horizont prägt die Silhouette der gleichnamigen Insel mit der mächtigen 2006 als Hotel wieder auferstandenen Mulino Stucky und der Kuppelkirche Redentore.
Sie verfügen noch über Kraftreserven? Dann spazieren Sie nun nach links den breiten Kai namens Zattere entlang. Am besten über seine ganze Länge von rund 1,5 km bis in die Gegend der Dogana, des Zollgebäudes an der Ostspitze des Bezirks Dorsoduro, von wo Sie ein unüberbietbar schönes Panorama auf Dogenpalast, Campanile und Kloster San Giorgio Maggiore genießen.
Venedig Ahoi: Mit dem Schiff um die Altstadt
Das historische Herz der Lagunenstadt lässt sich vom Wasser aus am schönsten entdecken. Versuchen Sie es statt der klassischen Fahrt durch die Hauptarterie, den Canal Grande, einmal mit einer Umrundung. An Bord eines vaporetto der Linie 41 oder 42 lernen Sie nicht nur den wenig bekannten Stadtteil Cannaregio und das Hafenviertel kennen. Sie genießen auch Panoramablicke auf Venedigs schönste Uferpromenaden. Startplatz: Bahnhof oder Piazzale Roma. Zeitrahmen: inklusive "Landausflügen" ein ganzer Tag.
Canale Grande di Cannaregio
© Gary Houston / arglist.com
Als Ausgangspunkt dient auch bei dieser Tour der Bahnhof. Aber diesmal besteigen Sie gleich zu Füßen seiner Treppe einen der für die Stadt der Kanäle so charakteristischen schwimmenden Busse namens vaporetto, und zwar den Nr. 42 (Nr. 41 befährt dieselbe Strecke in entgegengesetzter Richtung). Er tuckert erst einmal ein kleines Stück den Canal Grande entlang. Doch sehr bald schon - unmittelbar nach der imposanten Kirche von San Geremia - biegt er nach links in den Canale di Cannaregio ein. Am Palazzo Labia vorbei, führt die Route hinein in den für venezianische Verhältnisse ungewöhnlich geräumigen und lichten Bezirk Cannaregio. Schon an der ersten Station (Ponte delle Guglie) empfiehlt sich ein kurzer Landgang. Ziel ist das ehemalige und weltweit älteste jüdische Ghetto.
Wieder auf dem vaporetto, gelangen Sie unter dem Ponte dei Tre Archi, der einzigen dreibogigen Brückenkonstruktion der Stadt, hindurch auf offenes Wasser. Der Blick schweift über die nördliche Lagune bis nach Burano, Torcello und zum Flughafen auf dem Festland. Das Schiff nimmt Kurs nach Osten. Bei der Station Madonna dell'Orto gehen Sie kurz von Bord, um der gleichnamigen, wunderschönen gotischen Kirche und dem nahen Sterbehaus Jacopo Tintorettos einen Besuch abzustatten. Die nächste Station, Fondamente Nove, ist neuerlich Anlass zur Fahrtunterbrechung. Diesmal locken die barocke Jesuitenkirche Santa Maria Assunta dei Gesuiti und unweit davon das Wohnhaus Tizians.
Isola di San Michele
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Nun geht es mit dem Schiff hinüber nach San Michele, der Friedhofsinsel. Nördlichster Punkt der Rundfahrt ist die für ihre traditionsreiche Glasindustrie berühmte Insel Murano. Kunstliebhaber werden sich den Besuch ihrer Kirchen San Pietro Martire und Santi Maria e Donato, Souvenirjäger den in einer Glasbläserei nicht entgehen lassen.
Wieder an den Fondamente Nove, folgt das vaporetto nun dem Nordufer des Bezirks Castello. Es fährt vorbei an der Franziskanerkirche San Francesco della Vigna und umschifft die Halbinseln San Pietro di Castello und Isola di Sant'Elena. Im Bassin von San Marco steuert es vorbei am Ausstellungsgelände der Biennale und dem Schifffahrtsmuseum Richtung Westen. Entlang der Riva degli Schiavoni, dem bei Flaneuren so beliebten, weil überaus breiten Kai der Dalmatiner, nehmen Sie zum Abschluss einigen der berühmtesten Hotels der Stadt die Parade ab.
Wer, an der Station San Zaccaria angekommen, vom Schiffchenfahren noch nicht genug hat, kann von hier mit der Linie 51 auch noch hinüber zum Lido und von dort mit der Linie 52 an der Giudecca vorbei wieder zurück zum Piazzale Roma bzw. zum Bahnhof fahren.
Auf Palladios Spuren
Dieser Bummel führt zu den grandiosen Sakralbauten des Meisterarchitekten Andrea Palladio aus Padua. Zwei, drei Stunden sollten für den Abstecher auf die beiden südlich der Altstadt gelegenen Inseln genügen.
Sie gehört zu den meistfotografierten Ansichten der Lagunenstadt: jene Klosteranlage von San Giorgio Maggiore, die Andrea Palladio Ende des 16. Jahrhunderts im Auftrag der Benediktiner auf dem so malerisch gegenüber dem Dogenpalast gelegenen Eiland errichtet hat. Mit der Bootslinie Nr. 82 setzen Sie von San Zaccaria in wenigen Minuten über, bestaunen danach erst einmal die in ihrer geometrischen Strenge an einen antiken Tempel gemahnende, strahlend weiße Marmorfassade, um sich schließlich in dem nicht minder eindrucksvollen, dreischiffigen Kircheninneren mit seinen riesigen Tintoretto-Gemälden umzusehen. Der berühmte Speisesaal, die Bibliothek und das Treppenhaus des Klosters sind für Touristen leider gesperrt. Sehr wohl betreten dürfen Sie zum Glück den zugehörigen Campanile. Das Panorama, das man von seiner Aussichtsplattform genießt, ist mindestens so atemberaubend wie jenes vom Campanile von San Marco gegenüber.
Palladios Votivkirche Il Redentore
© Servizio di Videocomunicazione del Comune di Venezia
Um ein weiteres von Palladios Meisterwerken bewundern zu können, müssen Sie mit derselben Linie bloß zwei Stationen weiterfahren. Auf der Nachbarinsel Giudecca erhebt sich die Votivkirche Il Redentore. Diesen klassizistischen Kuppelbau mit seiner eindrucksvollen Marmorfassade hat Palladio im Auftrag der Stadtregierung geschaffen, die damit an das Ende einer verheerenden Pestepidemie erinnern wollte. Er wurde 1592 geweiht und steht seither alljährlich am dritten Julisonntag im Zentrum eines riesigen Festes, mit dem die Venezianer der seinerzeitigen Erlösung von der Plage gedenken.
Auch der Entwurf zu der wenige Gehminuten weiter östlich ebenfalls am Nordkai der Giudecca thronenden Kirche Santa Maria della Presentazione wird Andrea Palladio zugeschrieben, allerdings vermutlich fälschlicherweise. Die Besichtigung des kleinen Gotteshauses, das auch auf den Kurznamen Le Zitelle hört, ist dank seiner erhabenen Schlichtheit dennoch lohnend (geöffnet nur Sonntags von 10 bis 11:30 Uhr).
Palladianisches Postskriptum: Wer den Spuren des Meisters in Venedig noch weiter folgen will, begebe sich in den nördlichen Teil des Bezirks Castello. Dort findet sich, unweit der westlichen Mauer des Arsenals, die Kirche San Francesco della Vigna, deren Fassade der Pionier der antikisierenden Form in den Sechzigerjahren des 16. Jahrhunderts schuf. Architekturhistoriker bezeichnen sie nicht von ungefähr als Markstein in der Entwicklung des Klassizismus.