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Wien und der Tod

Das ist eine ewige Liebe: ein besonderes Verhältnis zwischen sentimental-melancholischer Koketterie und nahezu inniger Intimität.

Jüdischer Teil des Zentralfriedhofs
Jüdischer Teil des Zentralfriedhofs
© Anja Gerber / pixelio.de
Dass die Wiener im Vergleich zu anderen Großstädtern eine besonders enge Beziehung zum Tod haben, ist zwar ein Klischee – aber ausnahmsweise eines, das stimmt: Die Todessehnsucht hat in Wien Heimatrecht.
Beim Heurigen kippt die sprich- wörtliche Wiener Gemütlichkeit gern in eine abgrundtiefe Tod-Traurigkeit, der Zentralfriedhof ist eines der größten Naherholungsgebiete der Stadt. Die sterblichen Überreste der Angehörigen des Kaiserhauses ruhen in Grüften, in denen ein eleganter Hauch von Ewigkeit weht. Und ganze Museen mit Kuriositäten und Skurrilitäten rund um den Tod, der laut einer bekannten Heurigenmelodie sogar selbst ein Wiener ist, verbreiten wonnige Schauer.
Es kann kein Zufall sein, dass Sigmund Freud gerade in Wien den Todestrieb entdeckte und dass der in der Welt der Psychologie als Mr. Suicide bekannte Erwin Ringel hier 1948 Europas erstes Kriseninterventionszentrum gründete. Und in Wien schufen Johann Strauß Vater und Sohn, selbst geschüttelt von Ängsten vor Reise, Alter, Krankheit und Tod, eine Musik, die für immer unsterblich ist: den Wiener Walzer, unter dessen glückseliger Oberfläche ein bisschen Wehmut und Schmerz mitschwingen.
Urnenhain Zentralfriedhof
Urnenhain Zentralfriedhof
©Franz Haindl / pixelio.de

Zentralfriedhof & Schöne Leich‘

Der Zentralfriedhof, vom Künstler André Heller als "Aphrodisiakum für Nekrophile" bezeichnet, ist mit einer Fläche von 2,4 km² und mehr als 300.000 Gräbern, in denen drei Millionen Menschen bestattet sind, der größte Friedhof Europas. Er ist aber auch ein zutiefst wienerischer Ort: Stadtbewohner nützen ihn gerne für einen Familienausflug oder einen Spaziergang, laben sich vor den Friedhofstoren an Maroni- und Würstelständen und kommen mit ein wenig Glück gratis in den Genuss höchster Kunst. Wenn sich nämlich Philharmoniker und Chorsänger aus der Staatsoper am Rand offener Gräber mit schmalzigen "Averln" (Gounods "Ave Maria") oder gestrichenen Trauermärschen etwas dazu verdienen.
Für die Ewigkeit ist den Wienern nichts zu teuer. Mit der "schönen Leich", einer Beisetzung in großem Stil mit prunkvollem Kondukt, professionellen Grabrednern und opulentem Leichenschmaus, erweisen sie ihren Nächsten die letzte Reverenz. Immerhin die Hälfte aller Hinterbliebenen entscheidet sich für das kostspielige "Begräbnis erster Klasse".

Sparsarg & Totengräber-Accessoires

Der Aufwand der Wiener um die Bestattung ließ ökonomisch denkende Regenten auf seltsame Ideen verfallen. Kaiser Joseph II. verordnete 1785 den "Sparsarg", einen wieder verwendbaren Sarg mit Klappe auf der Unterseite, durch die der Tote ins Grab befördert werden konnte. Aber so genial die Erfindung auch war, die Wiener lehnten sie strikt ab, machten ihrer Entrüstung in Tumulten und Protestmärschen Luft und zwangen den Herrscher, seine Verordnung wieder zurückzunehmen.
Einer dieser Sparsärge ist im Wiener Bestattungsmuseum zu bewundern: Unter den 600 Exponaten rund um den Totenkult finden sich auch Trauer-Livréen, Schärpen und Accessoires der Totengräber, Urnen-, Sarg- und Leichenwagenmodelle sowie Vorrichtungen wie die Rettungsglocke, mit der wieder erwachte Scheintote auf sich aufmerksam machen konnten. Diese Erfindung wurde später zum Rettungswecker, einem Holzkasten mit kräftigem Läutwerk, weiterentwickelt.
 
Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche
Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche
© WienTourismus / Willfried Gredler-Oxenbauer

Kaiserliche Friedhofsreformen

Über viele Jahrhunderte wollten die Wiener ihre Toten möglichst nahe bei sich haben. So lagen die größten Friedhöfe im Stadtzentrum, um die Stephanskirche, die Ruprechtskirche und beim Schottenstift. Zumindest hier setzte sich der Reformkaiser Joseph II. durch. Er verbot die Bestattung in den Kirchen der Innenstadt und deren Grüften, die besonders zu Epidemiezeiten überfüllt waren, und ließ Friedhöfe in den damaligen Vororten Währing, Matzleinsdorf und auf der Schmelz anlegen. Freilich nicht ahnend, dass die Stadt wieder wachsen würde: Es dauerte keine hundert Jahre, bis die Gottesäcker wieder von Häusern umschlossen waren.
1874 wurde der Zentralfriedhof, Wiens riesige Totenstadt in Simmering, gegründet. Mit einem katholischen, einem evangelischen und einem israelitischen Teil. Zwischen 1908 und 1910 erbaute Max Hegele die wuchtige Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche, ein Pendant zu Otto Wagners Jugendstil-Kirche am Steinhof. Architektonisch interessant sind auch das ebenfalls von Hegele errichtete Hauptportal und das 1922/23 gegenüber, auf dem Gelände des verfallenen Renaissanceschlosses Neugebäude entworfene Krematorium von Clemens Holzmeister.
Mozartgrab auf dem St. Marxer Friedhof
Mozartgrab auf dem St. Marxer Friedhof
©pixelio.de

Ehrengräber für Strauß & Co

Der Bereich der so genannten Ehrengräber des Zentralfriedhofs stellt eine Art österreichisches Pantheon dar. Beim Aufseher am Haupttor liegt ein Detailplan auf, ein Wegweiser zu den letzten Ruhestätten großer Persönlichkeiten wie Johannes Brahms, Johann Strauß Vater und Sohn, Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart (Gedenkstein), Franz Schubert, Arthur Schnitzler (israelitische Abteilung), Curd Jürgens oder Helmut Qualtinger, von dem der wunderbare Ausspruch stammt: "In Wien musst’ erst sterben, bevor sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst’ lang." Auf Österreichs Popstar Nr. 1, Falco, trifft das nicht unbedingt zu. Dennoch hat auch er ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof erhalten.
Nach der Eröffnung des Zentralfriedhofs hatten die Vororte-Friedhöfe aus josephinischer Zeit ausgedient. Schrittweise wurden sie von den Gemeindevätern des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit aufgelöst, Prominenz nach Simmering umgebettet und die Areale in Grünflächen verwandelt. Heute erinnert in Märzpark, Schubertpark und Waldmüllerpark nur mehr wenig an vergangene Tage der Stille und Andacht.
Michaelerkirche
Michaelerkirche
©WienTourismus / Gerhard Weinkirn

Katakomben & Pestgruben

Noch im vorigen Jahrhundert galten Führungen durch die Katakomben des Stephansdoms als besonders schauriges Vergnügen, denn hier stapelten sich die Gebeine tausender Wiener aller Epochen. Inzwischen sind sie ebenso wie die mit Gebeinen randvoll gefüllte "Pestgrube" in zehn unterirdischen Karnern und Beinhäusern verschlossen. Nur in der Krypta der Michaelerkirche sieht man nach wie vor tausende Gebeine, einige hundert Särge und wegen der besonderen Luftverhältnisse bestens konservierte Mumien in ebenso gut erhaltenen Kleidern.

Mozart im Biedermeier-Massengrab

Der Friedhof St. Marx hingegen konnte sich seinen Charakter bewahren. Diese einzigartige und einzige Biedermeier-Begräbnisstätte Wiens bezaubert auch heute noch durch ihre hochromantische Atmosphäre. Die efeuumwucherten Grabsteine, die Inschriften für "Fabricanten", "Privatiers" und sogar eine "bürgerliche Kanalräumers-Gattin", die langen Alleen und nicht zuletzt das ehemalige Massengrab, in das Mozart gelegt wurde, sind eine Pilgerstätte für Melancholiker und Romantiker.
Stimmungsvoll sind auch die Nobelfriedhöfe von Hietzing, Grinzing, Döbling und Heiligenstadt mit ihren vielen Grabstätten voll zeitloser Eleganz. Etwas ganz Besonderes aber ist der Jüdische Friedhof in der Seegasse: Über 400 Jahre alt, von den Nazis verwüstet und erst 1984 wiedereröffnet, liegt die Begräbnisstätte heute sinnigerweise im Innenhof eines Pensionistenheims. Der Friedhof der Namenlosen hingegen befindet sich weit draußen an der Donau, im Alberner Hafen. Dort wurden Selbstmörder, Unfallopfer und Schicksale ohne Namen der Erde übergeben, die ihren Tod in den Wellen gefunden hatten.
 
©WienTourismus,www.wien.info/ Autorin: Hanne Egghardt
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