Lebensart
Die Andersartigkeit Wiens offenbart sich unter anderem im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten. Da ist zum Beispiel das besondere Lebensgefühl, dessen sich die Wiener gerne rühmen. Ihre Gemütlichkeit und ihr sprichwörtlicher Schmäh, also die Fähigkeit, selbst traurigen Situationen mit Humor und Sprachwitz zu begegnen, mögen Klischees sein; doch mischen Sie sich bloß einmal beim Heurigen unter die weinseligen, vor sich hin räsonierenden Einheimischen oder beobachten in einem der ehrwürdigen Cafés die Stammgäste, wie sie bei einer Schale Melange plauschend oder Zeitung lesend alle Hast abstreifen, und Sie werden erkennen, wie gültig diese Vorstellungen immer noch sind.
Gloriette im Park Schönbrunn
© Sabine Jaunegg / pixelio.de
Erholung in der Großstadt
Wiens so werbewirksam beschworene Andersartigkeit zeigt sich freilich auch in vermeintlich profanen Dingen wie Luft und Wasser, Wälder und Strände. Die Stadt bietet nämlich eine musterhafte Lebensqualität. Beispielsweise erweist sich Wien als erstaunlich staub- und smogfrei. Einen wesentlichen Beitrag hierzu leistet die üppige Vegetation: Prater, Lobau, Laaer Berg, Schönbrunn, der Lainzer Tiergarten, die ausgedehnten Wälder zwischen Wiental und Leopoldsberg im Nordwesten und die zahlreichen innerstädtischen Parks machen fast 50 Prozent des 415 km² großen Stadtgebiets aus. Als weiterer Schmutzfilter und Sauerstoffspender fungieren Teile des viel besungenen und oft gemalten Wienerwalds, der, an manchen Stellen über 40 km breit, Wien im Westen halbkreisförmig umfasst.
Besonders schön und stadtnah ist die Neue Donau, ein einzigartiges Erholungsparadies, an dessen kilometerlangen Stränden an heißen Tagen und in Sommernächten ein Trubel wie in Timmendorf oder Rimini herrscht. Ein weiteres Plus von Wien ist das hohe Maß öffentlicher Sicherheit. Die Stadt mag, besonders nach der Ostöffnung, ein Tummelplatz für Schlepperbanden und Drogendealer, Geheimdienstagenten und Geldwäscher sein, doch auf ihren Straßen kann man sich selbst zu spätnächtlicher Stunde gefahrlos bewegen.
Trinkwasser
Welch überaus hohe Lebensqualität Wien auszeichnet, merkt man auch beim Öffnen des Wasserhahns. Denn da rinnt einem nicht etwa, wie in den allermeisten Großstädten, chlorreich aufbereitetes Nass aus dem Untergrund oder gar der Kläranlage entgegen, sondern mehrheitlich schmackhaftes, kristallklares Quellwasser aus dem Hochgebirge. Zu verdanken haben die Wiener dieses Privileg einem Geologen namens Eduard Suess, der vor 130 Jahren - übrigens gegen heftigen behördlichen Widerstand - das visionäre Projekt einer Hochquellenwasserleitung verwirklichte. Seit 1873 nun schon fließt das kostbare Nass aus dem Kaiserbrunnen im Rax- und Schneeberggebiet ohne Unterlass 90 km weit durch zahlreiche Stollen und über Aquädukte direkt in die Hauptstadt. Und drückt nachhaltig die Umsätze der Mineralwassererzeuger.
Saal des berühmten Café Central
© Palais Events
Kaffeehäuser, Beisl und Heurige
Die Literatur über das Wiener Kaffeehaus füllt ganze Bibliotheken. Bereits im Biedermeier und mehr noch um 1900 waren die Cafés Brennpunkte des Wiener Geisteslebens. Heute finden sich, über die ganze Stadt verstreut, mehr als 500 solcher Oasen, wo Sie unbehelligt stundenlang bei einer Schale Melange und dem obligaten Glas Wiener Hochquellwassers sitzen können und wo nicht nur ein großes Sortiment an Zeitungen, sondern vielerorts auch Schachbretter, Bridgekarten oder gar Billardtische die Zeit lustvoll zu vertreiben helfen. Überall wird das klassische "Wiener Frühstück" serviert. Es besteht aus einer Kanne Kaffee (oder Tee) sowie Brötchen (hier "Semmel" oder "Gebäck" genannt), Butter, Marmelade oder Honig und einem weichen Ei. Tagsüber gibt es dann, abgesehen von diversen Kuchen und Torten, in vielen Häusern nur Kleinigkeiten wie Würstel oder Toast, Omelette oder Gulaschsuppe. Viele der großen Renommiercafés im Stadtzentrum sind zugleich Restaurants mit teilweise hervorragender Küche.
Die zweite kulinarische Hochburg des Wienertums, das Beisl, liegt wieder im Trend - dank der wundersamen Verjüngung der Wiener Küche, die ja eine Kombination aus böhmischen, ungarischen, italienischen, jüdischen und anderen mitteleuropäischen Kochtraditionen darstellt. Jahrzehntelang war die Stadt des Schnitzels und des Tafelspitzes, der Beuschel, Knödel und Palatschinken bei Feinschmeckern ob der kalorien- und fettreichen Kost verschrien. Inzwischen aber hat eine neue Generation ambitionierter Küchenchefs das Angebot modernen Ernährungsgewohnheiten angepasst.
Ungebrochener Beliebtheit erfreut sich auch die dritte Wiener Institution, der Heurige. Diese meist mit malerischen Gewölben, Innenhöfen und Gärten versehenenen Lokalitäten, in denen man jungen Wein, bodenständige Imbisse und oft auch - live - Wiener Lieder serviert, finden sich in größter Konzentration in den alten Winzerorten an den Ausläufern des Wienerwalds im Nordwesten der Stadt. Mindestens ebenso stimmungsvoll sind die Heurigen in den stilleren Weingegenden wie Strebersdorf und Stammersdorf ganz im Norden, jenseits der Donau, oder, nahe der südlichen Stadtgrenze, im Bezirk Mauer. Die echten Heurigen, auch Buschenschanken genannt, sind an einem grünen Föhrenbusch über und einer Tafel mit der Inschrift "Ausg'steckt" neben dem Eingangstor zu erkennen.
Multikulti
Die Widersprüchlichkeit des Wiener Herzens zeigt sich eindrücklich in seinem Verhältnis gegenüber "den Ausländern", deren Anteil an der Bevölkerung etwa 18 Prozent beträgt: Einerseits fielen - zumindest bis vor kurzem - die fremdenfeindlichen Phrasen des Berufsprovokateurs Jörg Haider und seiner FPÖ (neuerdings BZÖ) gerade in der Bundeshauptstadt auf erschreckend fruchtbaren Boden. Was ein waschechter Wiener ist, der verdrängt nur zu gern, dass sein Stammbaum in der Regel einen ungarischen Onkel und eine böhmische Großmutter umfasst und dass das städtische Telefonbuch von Stastnys, Swobodas und Vranitzkys strotzt.
Andererseits genügt ein Blick in Wiens Straßen und Märkte, um die pragmatische Toleranz zu erkennen, mit der diese Stadt Zuwanderer integriert. Da verkaufen griechische und türkische Händler einträchtig nebeneinander Oliven und Fladenbrot. Viele Araber und Iraner, die zum Medizinstudium hierher kamen, praktizieren inzwischen als hoch angesehene Ärzte. Und die Familien der seinerzeit aus Kroatien, Serbien und der Türkei herbeigeströmten Gastarbeiter sind längst Wiener mit Brief und Siegel, deren Kindern die weichen, gedehnten Vokale des hiesigen Dialekts perfekt von der Zunge gehen. Kein Wunder also, dass die Wiener stolz darauf sind, dass kein anderes europäisches Land in Relation zu seiner Einwohnerzahl 1956 so viele Ungarn, 1968 so viele Tschechen und in den 1990er-Jahren so viele Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien aufgenommen hat wie Österreich. Dass die Mehrzahl dieser Neuankömmlinge ihre zweite Heimat in der Hauptstadt fand. Und dass Pöbeleien oder gar Tätlichkeiten dumpfer Chauvinisten gegen Ausländer, wie sie anderswo gang und gäbe sind, in Wien bis heute ganz, ganz selten passieren.
Musikmetropole Wien
Für jugendliche Stadtbesucher mögen Strauß-Walzer und Staatsoper alte Hüte sein. Als eine Weltmetropole der Musik hat Wien jedoch auch bei der House- und Hip-Hop-Generation keineswegs abzudanken. Denn außer Hörweite der viel gepriesenen klassischen Klänge hat sich hierorts - fast möchte man sagen still und heimlich - eine zeitgenössische Topszene etabliert. Den Anfang machten in den 1970er-Jahren Popbarden wie Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich, die freilich noch sehr wienerisch tönten. In den 1980ern bewies dann Falco als Nummer eins der US-Charts, dass es auch so etwas wie genuines Rap-Feeling Marke Rotweißrot gibt. Und in den letzten Jahren schwangen sich, schwuppdiwupp, örtliche Sampling- und Remixing-Götter wie Kruder & Dorfmeister, Pulsinger & Tunakan, Makossa oder The WAZ Experience ganz hinauf in den internationalen Elektronikhimmel. Seither endet kaum ein Tauchgang ins Wiener Nachtleben, ohne dass man in einer der aus dem Boden schießenden Bars und Clubs ob der schrägen Soundkreationen solcher Star-DJs, aber auch so mancher Nachwuchsdesperados am Pult nachhaltig in Verzückung gerät.
In Wien ist was los. Seit die Stadt Ende der 1970er-Jahre aus dem Dornröschenschlaf der Nachkriegszeit erwachte, steht ihre Kultur- und Veranstaltungsszene jener in Paris oder London kaum nach. Die Aushängeschilder, denen Wien in aller Welt den Ruf einer Metropole der Hochkultur verdankt, sind natürlich die Staatsoper, der Musikverein und das Konzerthaus. Hier geben sich die Besten der Besten unter den Interpreten der E-Musik gleichsam die Türklinke in die Hand. Das Burgtheater hat seinen Rang als eine der führenden Bühnen im deutschen Sprachraum auch unter Direktor Klaus Bachler bewahrt, der seit 1999 amtiert.