In gewissem Sinn entspricht Wiens malerische Lage der historischen Rolle, die es in seiner über zweitausendjährigen Geschichte spielte. Zwischen den östlichen Ausläufern der Alpen und dem westlichen Rand des Karpatenbogens in ein Becken geschmiegt, das in sanften Terrassen zur Donau hin abfällt, wurde es ebenso Grenzbastion gegen - vornehmlich aus dem Osten - einfallende Völker wie ein Ort der Begegnung.
Zur Römerzeit lag hier ein wichtiges Heerlager, Vindobona, das den Donaulimes, die Reichsgrenze zu Germanien, sichern half. Im Hochmittelalter hatten die Babenberger hier gut ein Jahrhundert lang ihre Residenz. Während der folgenden fast 650 Jahre herrschten die Habsburger von Wien aus über ihr riesiges Reich. Zweimal, 1529 und 1683, bestürmten die Türken die Stadt, beide Male vergeblich. Im Gegenzug stieg Österreich zur kontinentalen Großmacht auf.
Kaiser Franz Joseph Büste im Kunsthistorischen Museum
Glanzvolle Zeiten
Wien, das östliche Bollwerk der Christenheit, dessen Vorstädte und Vororte speziell unter der zweiten Belagerung arg gelitten hatten, wurde unter Kaiser Leopold I. und Karl VI. wieder auf- und ausgebaut zu einer glanzvollen Barockmetropole mit prächtigen Kirchen, Palästen und Regierungsgebäuden. Von seinem Korsett aus Bastionen und Befestigungswällen befreite es 1857 Kaiser Franz Joseph I. Er ließ auf dem frei gewordenen Areal den Prachtboulevard der Ringstraße anlegen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Ära massiver Industrialisierung, wuchs sich die alte Kaiserstadt zu einer modernen Metropole aus - einer der damals weltweit größten. Die Einwohnerzahl erreichte 1910 mit über 2 Millionen ihren Höchststand.
Als Zentrum der Völkerverständigung und Diplomatie hatte sich die Stadt schon lange zuvor erwiesen - etwa 1814/15 beim berühmten Wiener Kongress, auf dem Europas Staatenlenker nach den napoleonischen Wirren den Kontinent neu ordneten - und glanzvolle Feste feierten. Die beneidenswerte Fähigkeit, bei Champagner und Dreivierteltakt seine Probleme je nach Bedarf zu vergessen oder zu lösen, hat Wien seit damals nicht verlernt. Bis heute ist der Kalender zur Faschingszeit mit Ballveranstaltungen gespickt. Höhepunkt der Saison ist der Opernball, bei dem sich die feine Gesellschaft im "Haus am Ring" in Frack und Abendkleid ein Stelldichein gibt.
Bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten sich in der Donaumetropole die Kulturen Zentral- und Osteuropas vermengt. Das Ergebnis war jene dichte, schöpferische Atmosphäre, die als "Wiener Fin de Siècle" in die Geistesgeschichte einging. Damals waren die großen Kaffeehäuser Kristallisationspunkte der europäischen Intelligenz. Dichtergrößen wie Hugo von Hofmannsthal, Franz Werfel und Josef Roth verfeinerten dort ihren Sprachsinn; Egon Erwin Kisch und Karl Kraus kreuzten die Federn, Bertolt Brecht und Leo Trotzki spielten Schach, und selbst Sigmund Freud kam regelmäßig, um beim Kaffee seine Theorien durch Beobachtung am lebenden Objekt zu überprüfen. Einen Rest jener inspirierenden Atmosphäre kann man im Griensteidl, im Bräunerhof, im Central und anderen Zeugen der Wiener Kaffeehaustradition auch heute noch nachempfinden.
Tatsächlich ist die geistige und künstlerische Kreativität der Stadt nach wie vor beachtlich. Die rund 2,8 Millionen Gäste, die alljährlich aus dem Ausland herbeiströmen, kommen ja zu einem gut Teil wegen der reichen Kulturtradition - um im Musikvereinssaal oder in der Oper, wo ein Richard Strauss, ein Gustav Mahler und ein Herbert von Karajan zu dirigieren pflegten, den samtenen Klängen der Philharmoniker zu lauschen, um zu den Beethoven- und Schubert-, den Haydn- und Lehár-Gedenkstätten zu pilgern oder um in den Stadtpark zu gehen, wo Johann Strauß junior, in Stein verewigt und mit Blattgold belegt, zum Walzer aufgeigt. Doch die Musik ist nur eine Seite Wiens. Schlendern Sie auch über die Ringstraße, den Heldenplatz und durch die mittelalterlichen Gässchen; wallfahren Sie in die gotischen und barocken Kirchen, in die altehrwürdigen Theater, die grandiosen Kunstmuseen und zu den glanzvollen Palästen wie dem Belvedere und Schloss Schönbrunn. Und verkosten Sie abends in Grinzing beim Heurigen den frischen Wein. Jugendlichere Besucher können sich derweil in das turbulente Treiben der Innenstadtszene stürzen und in den Diskos die Nacht zum Tag machen.
Habsburg und Co.
Mehr als 80 Jahre ist sie nun schon in der politischen Versenkung verschwunden. Doch der Mythos dieser Dynastie, die über sechs Jahrhunderte lang von Wien aus ein Imperium beherrschte, ist (fast) so lebendig, als walte der alte Kaiser noch leibhaftig seines Amtes. Um das zu erkennen, muss man sich gar nicht unter die vielen Touristen mischen, die sich durch die Schlossgemächer schieben. Es genügt ein Blick in die Regale jedes x-beliebigen Buchladens, stapeln sich dort doch die Biografien von Maria Theresia, Kronprinz Rudolf und Sisi im Dutzend. Nicht zufällig liegen in der Kaisergruft vor etlichen Sarkophagen stets frische Blumen. Nicht zufällig wurde für Kaiserin Elisabeth, deren 100. Todestag 1998 mit großem PR-Aufwand begangen wurde, 2004 ein eigenes Museum eröffnet. Nicht ohne Grund prangt in den noblen Einkaufsstraßen auf einigen Firmenschildern noch das Prädikat "k. u. k. Hoflieferant", feiern in den Souvenirshops die habsburgischen Stammfarben Schwarz und Gelb auf Wimpeln, Konfekt und T-Shirts fröhliche Urständ; und lassen sich bis heute viele Fiakerkutscher, um Kaiser Franz Joseph möglichst ähnlich zu sehen, lange Backenbärte wachsen.
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